Das erste Mal tut immer weh

Angekommen nach unserem ersten Anstieg auf das Timmelsjoch. Da wussten wir nicht, was noch auf uns zukommt

Als wir von unserem Vorhaben erzählt haben, als Urlaub in die Alpen zu fahren und Pässe bestreiten zu wollen, haben wir viele schiefe Blicke geerntet. Nach unseren ersten zwei Pässen wissen wir jetzt auch, warum.

Ich wünsch dir Flowen ohne Leiden

Nach problemloser Anfahrt in die Alpen und den ersten Passüberquerungen mit dem Auto standen für uns Flowbiker gestern die ersten richtigen Anstiege mit dem Rennrad an: Zuerst das Timmelsjoch hinauf und Richtung Sölden hinunter, dann den Rettenbachferner bestreiten und auf dem Rückweg erneut über das Timmelsjoch klettern. Dass es kein Kinderspiel wird, wussten wir – wie sehr wir leiden werden, noch nicht. In diesem Post erzählen wir jeweils aus unserer eigenen Perspektive, wie wir unser erstes Mal empfunden haben.

Sturz in der zweiten Serpentine – bergauf

Max: Trotz Urlaub wollten Philipp und ich pünktlich in den Tag starten und machten uns deshalb früh auf, um möglichst viel schaffen zu können. Nach der ersten Abfahrt aus dem Dorf wollten wir beide noch einmal umdrehen – Philipp, um seine Oberrohrtasche zurückzubringen und ich, um doch auf das 11-28er-Ritzel zu wechseln. Denn auf dem Weg zurück merkten wir bereits: Huch, das ist ganz schön steil. Auch der zweite Anlauf klappte nicht sofort, weil ich direkt in der zweiten Serpentine kurz beim Fotografieren das Gleichgewicht verlor und bergauf gestürzt bin (ja ich weiß, einfach nur dumm). Mir ist nichts passiert, aber am Rad war das Schaltauge verbogen. Nach kurzer Google-Phase einfach wieder zurückgebogen – passt.

Blick nach unten: Da möchten wir nicht herunterfallen

Höhenmeter für Höhenmeter

Als es dann doch endlich auf das Timmelsjoch ging, fühlten wir uns anfangs noch wie Profi-Radler: Der Pass startete nach dem Anstieg aus Rabenstein recht flach und der Rückenwind blies uns mit hohem Tempo die ersten Höhenmeter hoch. Zudem waren wir noch ganz abgelenkt von den vielen schönen Ausblicken. Doch spätestens, als die ersten richtigen Serpentinen begannen und die Steigungen zweistellig wurden, realisierten wir, dass ab jetzt harte Arbeit auf uns zu kommt. Und so stiegen wir die ersten Kehren noch guter Dinge hoch, während es mit jedem Höhenmeter anstrengender wurde. Dennoch überholten wir einige andere Radler und der Blick nach unten auf den bereits zurückgelegten Anstieg belohnte ebenfalls das bereits geschaffte.

Kaum Sicht auf dem Gipfel

Das Wetter war allgemein den ganzen Tag schon recht grau und trüb, aber je höher wir kamen, desto nebeliger wurde es – wir fuhren immer mehr in die Wolken rein. Kurz vor dem Gipfel sah man dann kaum noch etwas vor und hinter sich – bis plötzlich das lang ersehnte Schild des Passes auftauchte. Jetzt fielen sämtliche Anstrengungen von einem ab – wenn auch der erste Anstieg, besonders im Vergleich zu dem, was noch kommen würde, noch ganz angenehm war. Wir hatten dank Mautgebühren kaum Autos auf den Straßen und durch die eher milden Temperaturen war auch das Klettern kein Problem.

Kehre für Kehre ging es das Timmelsjoch hinauf – und immer weiter in die Wolken

Bergab wie beim Skifahren

Die kalte Luft ließ uns dann auch nach unseren Erinnerungsfotos schnell Windjacke und Handschuhe anziehen – auf der jetzt bevorstehenden Abfahrt wollten wir kein Risiko eingehen. Doch wie angekündigt war das Wetter auf der anderen Seite des Berges deutlich besser – was den Abstieg jetzt noch einmal deutlich schöner machte. Wir tasteten uns erst recht langsam an die noch ungewohnte Neigung und die engen Kurven heran, fanden dann aber Übung und genossen vor allem ein langgezogenes gerades Stück durch das Geröll auf dem Berg.

Vorsicht, Schafe

Vorsicht geboten war lediglich vor den ganzen Schafen und Kühen, die gerne mal unangekündigt auf die andere Straßenseite wechseln wollten. In Hochgurgl war es bereits wieder sehr warm und wir ließen uns entspannt durch einige schlängelnde Straßen und Galerien nach Sölden reinrollen – war das ein Spaß! Mich erinnerte das Abfahren sogar etwas an Ski fahren. Doch nach jedem Spaß kommt Ernst – und der kam im Form des Rettenbachferners.

Peter Sagan? Besser: Philipp vor der bevorstehenden Abfahrt

Lebensfeindlich und hart zu uns selbst

Philipp: Nach einer euphorisierenden und schnellen Abfahrt nach Sölden machten wir kurz Rast, um unsere Windjacken und Handschuhe wieder zu verstauen. Unten im Tal war es schließlich angenehm warm, sodass wir bim Klettern sicherlich nicht frieren sollten. Der Wille, hoch zum Gletscher aufzusteigen, war hoch. Die propagierten 12-14% Steigung sind für erfahrene Kenner des Hermannsdenkmals unkritisch, schließlich haben wir dort bis zu 20% (laut Straßenschild)… Haha, wir sind so schön naiv…

Rastlos bergauf

Die ersten 2,5 km sind bretthart und erbarmungslos. Hier gibt es keinerlei Kehren, sondern lediglich leichte Kurven. Kurz: Es fühlt sich wie eine konstant steigenden Gerade an. Oft wünschte ich mir ein drittes Kettenblatt oder zumindest ein 32er Ritzel, da meine Trittfrequenz deutlich unter 50 rpm sank.
Wir machten eine kurze Verschnaufpause, um unseren Kreislauf etwas zu beruhigen – die Höhenluft ist für Alpin-Jungfrauen etwas ganz „besonderes“. Auch die Gedanken ans Aufgeben kamen uns, aber insgesamt fühlten wir uns doch zu höherem berufen.

Am Rettenbachferner wurden wir mit vielen schönen Ausblicken belohnt – wenn wir mal aus unserem Tunnel kamen

Lügende Wanderer und schöne Ausblicke

Daher folgten wir der Gletscherstraße und gewannen fleißig und schnell an Höhe, leider bekam ich nicht viel von meiner Umgebung mit, da ich mit jedem höhen Meter weiter in meinen Tunnel verschwand. Der erste Lichtblick kam an der Mautstation beim Durchfahren des Rettenbachtals – hier entschädigte eine kurze Abfahrt und ein grandioser Ausblick auf den Gletscher. Eigentlich – so finde ich – hätte man es hier gut sein lassen können, aber wir fühlten uns immer noch zu höherem berufen! Befeuert durch Wanderer, die uns zuriefen, „In 10 Minuten habt ihr es geschafft!“, folgten wir weiterhin der brutal steilen und geraden Gletscherstraße. Zwischenzeitlich bewunderten wir, wenn es die Laune zu ließ, die wilde hochalpine Schönheit dieses Ortes. Doch irgendwann kam etwas, was ich noch nicht erlebt hatte an einem steilen Anstieg: Gegenwind!

„Pass auf, du Idiot!“

Der Berg forderte seinen Tribut und lehrte uns Demut. Kalter, starker Gegenwind ließ mich fluchen, ich schrie den Berg an und auch Max sah hinter mir nicht glücklich aus – eine Pause musste her. Glück im Unglück, dank gutem Handynetz konnten wir ein paar Bilder auf Instagram posten! Nach dieser Pause ging dank Tunnelblick und flow alles ganz einfach. Wir durchfuhren ein paar Serpentinen, folgten einer langen Geraden und waren angekommen am Rettenbachgletscher. #SCHÖN. So schön, dass Max abrupt anhielt, um ein Foto zu machen. Ich wäre ihm beinahe ins Hinterrad gefahren und fluchte laut: „Pass auf, du Idiot!“ Dieser Ausdruck verschaffte uns ein paar Blicke und sicherlich auch Sympathiepunkte.

Hinter der Mautstation wartete ein schönes, langgezogenes Tal auf uns – leider mit viel Gegenwind

Licht am Ende des Tunnels

Der Ort, an dem wir uns nun befanden, ähnelte aber nicht dem Bild, welches ich aus YouTube kannte. Irgendwo musste doch noch ein Tunnel sein?! Vermutlich war ich also derjenige, der sich diesmal zu höherem berufen fühlte und uns zum Rosi-Mittermaier-Tunnel lotste. Wir durchfuhren eine Mondlandschaft, vorbei an einem kleinen Gletschersee (leider war das Wasser nicht trinkbar), zum Tunnel. „Kann nicht so steil sein“, raunte ich noch, „ist schließlich ein Tunnel.“ Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, wie lang oder steil es werden sollte. War auch egal, schließlich sah man „Licht am Ende des Tunnels“. Hier waren wir jeder für sich allein, 5° C, 10% Steigung und jede Menge Zeit! Wirkliche Orientierungsmarken fehlten. Der Tunnel mochte einfach nicht enden – ebenso wie das Leiden.

Profis, die fliegen

Letztlich haben wir es aber überstanden und standen auf dem Dach Tirols auf über 2.800 Metern! Unbeschreiblich! Zeit für eine Pause, ein paar Gespräche mit Wanderern und eine Cola bevor es in die Abfahrt ging. Die Abfahrt an sich war unspektakulär, bietet allerdings eine gute Gelegenheit all die Panoramen zu genießen, die im Tunnelblick des Aufstiegs nicht beachtet werden konnten. Die Straßen sind sehr breit, gut asphaltiert und dank fehlender Kehren sehr schnell zu befahren. Fühlte sich wie Fliegen an – nur doch irgendwie geiler! Besonders weil der Shuttle-Bus für uns stoppte, damit wir gefahrlos passieren konnten; und wegen der Wanderer an der Mautstation, die uns applaudierten und bewundernd zuriefen! Ein kleines Stück Profi-Feeling!

Unsere Reserven waren komplett leer – doch mit dem Gletschertauwasser konnten wir sie auch nicht direkt auffüllen

Kaum noch Kraft in den Beinen

Max: Nach der erholsamen Abfahrt vom Gletscher hieß es nun ein zweites Mal: Ab aufs Timmelsjoch. Doch so einfach wie am Anfang fiel es uns nicht mehr, obwohl uns die österreichische Seite bei der Abfahrt schon etwas angenehmer zum Klettern aussah. Doch wie so oft sieht es aus der anderen Perspektive oft ganz anders aus. Zuerst mussten wir wieder nach Hochgurgl kommen, was von Sölden aus recht human ging – wäre da nicht dieser Gegenwind gewesen. Der bremste uns ganz schön aus und ließ uns bereits hier einige Verschnaufpausen machen – so sehr waren wir schon am Ende unserer Kräfte. Zwischendurch rief ich schon einmal im Gasthof an und sagte Bescheid, dass wir es nicht mehr pünktlich bis zum Essen schaffen werden. Der nette Gastwirt sagte, dass wir uns Zeit lassen sollen und so konnten wir unseren dritten Pass ganz entspannt und weiterhin in Vorfreude auf ein leckeres Abendessen angehen.

Kehre für Kehre ins Gewitter

Die ersten Serpentinen hinter Hochgurgl ging es sogar noch der Situation entsprechend ok hinauf, doch alle zwei Kehren blies uns wieder der Wind entgegen. Zwei Pausen und einige Flüche später erreichten wir dann trotzdem endlich unser großes Zwischenziel: Die Mautstation. Statt langer Pause zogen wir uns hier nur fix unsere Windjacken über, denn es begann immer mehr zu nieseln. Das jetzt noch folgende letzte Stück bis zum Gipfel hatten wir maßlos unterschätzt. Zwar ging es erst noch einmal kurz bergab, doch dann zogen sich die einzelnen Anstiege teils extrem. Das kam uns beim Herunterrasen alles viel kürzer vor. Dazu wurde der Regen immer schlimmer und gleichzeitig ließen uns Donner und Blitz etwas kräftiger in die Pedale treten wollen – doch es ging einfach nicht mehr. Im Schleichtempo quälten wir uns jetzt noch die letzten Kehren hinauf, Stück für Stück, Kehre für Kehre. Dann endlich: Gipfel. Einfach nur noch Zufriedenheit, endlich oben zu sein. Doch die folgende Abfahrt wurde alles andere als ein Kinderspiel.

Noch einmal alles geben: Vor der Mautstation gab es noch einmal einen Energie-Schub

Abfahrt im Regen

Philipp: Mit dem Gewitter im Nacken musste die Abfahrt nun schnell und doch kontrolliert erfolgen. Wir entschieden, dass wir nicht nur Sicherheitsabstand wahren, sondern bewusst weit auseinander fahren wollten. Ich ging zuerst in die Abfahrt, die Vorteile dafür liegen auf der Hand: Max wird nicht nass, kann sein eigenes Tempo fahren und wird nicht bei einem Sturz von mir in Mitleidenschaft gezogen. Ich wartete dafür regelmäßig bis ich ihn wieder am Horizont sehen konnte. Gar nicht so einfach, seine Front-Beleuchtung war ausgefallen, ebenso wie meine Rückleuchte. Ich gewann zunehmend Selbstbewusstsein beim Bremsen und bei den hohen Geschwindigkeiten im Regen. Die Kool-Stop Tripple-Compound Bremsbeläge leisteten hier ordentliche Arbeit. Anfangs war ich etwas unzufrieden, da sie nicht so scharf bremsten wie die Ultegra-Begläge. Unter den Nassen und schnellen Bedingungen ließen sie sich aber verlässlich und gut modulieren!

Schockmoment: Die Bremse funktioniert nicht mehr

Bis plötzlich an der Hinterradbremse ein lautes Schleifen auftrat und auch von Bremsvorgang zu Bremsvorgang lauter wurde. Ich hielt an und stellte fest, dass ein Bremsschuh gelöst war und über die „hübschen“ Mavic-Aufkleber schleifte. Das Problem konnten wir gemeinsam schnell korrigieren, einzig das Sicherheitsbefinden in der Abfahrt war nun deutlich „gebremst“. Jeden Kilometer hielt ich an, zweifelte und fuhr dennoch weiter. Schließlich war es ARSCHKALT! Wir froren uns beide sprichwörtlich den Arsch ab, da wir für solche Wetterbedingungen nur notdürftig bekleidet waren. Da ich nicht mehr Fluchen wollte sang ich wahllos Lieder, die mir der Kopfhörer ins Ohr spielte.

Während hinter uns in Österreich noch die Sonne lachte, fuhren wir immer weiter ins Gewitter – mit immer weniger Kraft

Happy End in Sicht

„Dein Hurra, gegen das Versinken – hey, hey, hey“ (Bosse). So vergingen die letzten Kilometer der Abfahrt wie im Flug und wir mussten uns nur noch den letzten Anstieg im Ort zu unserem Gasthof hoch quälen. Wobei dies keine Qual war, sondern eine Erlösung, denn auf uns wartete schon der Gastwirt, der uns in Empfang nahm, sodass wir unsere Räder sicher abstellen konnten. Denn eins war sicher, die haben eine Reinigung nötig und wir eine heiße Dusche sowie eine warme Mahlzeit!

Die Heldengeschichte auf Strava von Max und Philipp