Kommentar: Eigennützige Charity?

Einem Rennradfahrer wird sein neuer Garmin-Fahrradcomputer gestohlen. Er startet einen Spendenaufruf. Wie verrückt ist die Rennradszene geworden?

Eigentlich müsste ich gerade an meiner Hausarbeit schreiben, stattdessen möchte ich einige Worte zu einem Thema los werden, das mir in den letzten zwei Tagen begegnet ist. Auf Instagram postete ein Rennradfahrer, dass sein erst kurz zuvor gekauftes Garmin aus einem Radraum einer Unterkunft geklaut wurde. Umgehend startet er eine Spendenaktion, setzt eine Crowdfunding-Seite auf. „Ein neuer Garmin 1030 muss her!“, prangt es groß in der Überschrift. Dazu: „Natürlich für den guten Zweck!“ Das Ziel: Die Spenden im nächsten Jahr an eine Kinderorganisation weiterzugeben.

„Gemeinsam gewinnen“

Sicherlich ist es bereits einigen Leuten passiert, dass man einen persönlichen und vielleicht auch teuren Gegenstand verloren hat – sei es durch eigene Schusseligkeit oder Diebstahl. Auch ich blieb davon bisher nicht verschont. Doch wie verzweifelt muss eine Person auf ein ganz bestimmtes Produkt verharrt sein, dass sie einen öffentlichen Spendenaufruf startet und Freunde, vor allem aber die Social-Media-Follower um Geld bittet – ganz klassisch versehen mit Spendenbalken und Zeitlimit?

Beschreibung auf der Spendenseite

Selbst Schuld?

Mein erster, vielleicht noch stumpfer Gedanke: „Selbst Schuld“ – ein teures Gerät wie ein Garmin, das sich bereits in Smartphone-Preissegmenten bewegt, lässt man nun mal nicht einfach in einem Radkeller. Und selbst, wenn es ein Versehen war – was ist mit der Versicherung? Mir wäre eine solche Aktion höchst peinlich, weil ich die Schuld wohl eher bei mir suchen würde. Im Spendenaufruf ist allerdings nur vom Dieb die Rede.

„Geht auch per Mastercard?“

Dazu wird argumentiert: Das Gerät sei quasi „überlebensnotwendig“, es müsse so schnell wie möglich Ersatz her. Dazu passt die Aufmachung als Spendenmarathon, Bezahlung direkt per Überweisung. Natürlich „sicher mit Sofortüberweisung, Visa, Mastercard oder Girpoay“. So raffiniert digitalisiert sind noch nicht einmal die Bettler in Berliner U-Bahnen, die das Geld definitiv dringender nötig hätten.

Der vermeintlich gute Zweck

Dreist wird es beim vermeintlichen guten Zweck hinter der Aktion. „3 Cent Spende pro gefahrenem Kilometer im Jahr 2019“, so verspricht es der Initiator auf der Spendenseite, gehen an das SOS Kinderdorf. Bei einer sogar selbst angegebenen geschätzten Fahrleistung von 10.000 Kilometern sind das 300 Euro – das Garmin 1030 kostet aber laut Hersteller fast das Doppelte, eine wirkliche „Rückzahlung“ der Spenden ist das nicht, sondern eher eine Mogelverpackung.

Auch auf Social Media wird die Aktion kräftig beworben

Marken, Modelle, Material

Vielleicht steigere ich mich auch gerade etwas zu sehr in diese Angelegenheit hinein, aber diese ganze Aktion trifft einen Nagel, der die aktuell komplett durchvermarktete Rennradszene ziemlich gut beschreibt, auf den Kopf. Immer muss es das teuerste, beste Material von der coolsten Marke sein. Wer ein Trikot eines Discounters trägt, nimmt den Sport nicht ernst. Es geht nur noch um Marken, Material und Coolness. Ich fühle mich in gewisser Hinsicht auch ertappt und frage mich: Warum schweben wir in dieser teuren Blase? Wäre das Geld woanders nicht sinnvoller angelegt? Es kommt auf den Fahrer an, nicht auf die Marke, die er fährt oder trägt. In was für einer Szene leben wir eigentlich?

Nicht mehr Amateur, sondern Pro

Und wenn es an Geld mangelt und man deshalb zu Spenden aufruft, zu guter letzt noch diese Frage: Tut es nicht auch ein anderes, preiswerteres Modell? Selbst Garmin bietet weitaus günstigere Alternativen mit dem fast gleichen Funktionsumfang an. Aber das wäre ja nicht „Pro“.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels habe ich geschrieben, dass es ein 48-Stunden-Zeitlimit gäbe. Das war eine Fehlinformation und bitte ich zu entschuldigen.