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Bikepacking Langstrecke

Berlin hat Berge

Seitdem Eva das 1.000-Kilometer-Brevet mit diesem Titel ausgerufen hat, war ich ganz begeistert. Jetzt ging es endlich an den Start: Von Berlin erst zum Fichtelberg, dann zum Schneeberg und abschließend auf den Brocken. Und dazwischen ganz viele weitere Höhenmeter.

Einige Jahre habe ich den Start vor mir hergeschoben, dann ging plötzlich alles ganz schnell: Am Freitag nur kurz Schule, dann noch fix am Rad geschraubt und gegen 16 Uhr rolle ich am Brandenburger Tor los. Vor mir liegen 1.000 Kilometer und 10.000 Höhenmeter, aber vor allem erst einmal das Warmfahren bis zu den ersten Anstiegen. Der Weg raus aus der Stadt ist zäh, erst einmal wieder ans Gepäck gewöhnen, und dann folgen diese klassisch langweiligen Kilometer, bis überhaupt etwas Neues kommt.

Fläming Skate Backrooms

In Sperenberg lege ich einen ersten Stopp beim Rewe ein, ich habe schon nach den erst 50 Kilometern Angst, zu wenig zu essen und zu trinken. Aber: Die Brezel lässt sich in mundgerechte Stücke direkt in der Food-Pouch verstauen, das Proviant für die nächsten Kilometer steht. Es geht erst über bekannte Fläming-Skate-Abschnitte, sehe zwei weitere Radreisende an einem Automaten in Petkus und plötzlich geht’s dann ins Ungewisse: Neue, mir nicht bekannte Wirtschaftswege, quasi die geheimen „Fläming Skate Backrooms“. Schon jetzt ist mir klar: Das wird eine wunderbare Route, die Eva sich ausgedacht hat.

Das goldene M als Leuchtturm

Als dann die letzten Fläming-Skate-Abschnitte hinter mir liegen und ich in den Abend hinein nur so durch die Dörfer und Felder düsen kann, kommt richtig Spaß auf. Der Rückenwind trägt sicher auch dazu bei. So könnte ich natürlich die Nacht auch durchrollen. Zwischendurch folgen schier endlos wirkende Passagen durch den Wald und ich bin doch froh, das noch im halbwegs hellen zu fahren. Ich will also die Nacht kurz Pause machen und peile mir das lang geöffnete McDonalds in Riesa als erstes Zwischenziel an.

Als ich dort ankomme, gibt’s direkt zwei positive Überraschungen: Es hat länger auf als gedacht und die veganen Nuggets sind zurück im Sortiment. Das Abendessen also mehr als nur Pommes und Apfeltasche, fantastisch. Bis zum Ladenschluss um 1 Uhr bleibe ich, beobachte die Gruppen an Jugendlichen ein und aus gehen, werde sogar zwischendurch gefragt, welches Rennen ich fahre. Per Streetview sehe ich, das das Subway um die Ecke einen Außenbereich mit Bänken hat, der sicht- und windgeschützt ist. Putze noch schnell auf der McDonalds-Toilette die Zähne und rolle dann auf die andere Straßenseite.

Übernachten bei Subway

Das erste Mal habe ich meine schon vor Jahren gekaufte Hängematte dabei, ich will sie endlich mal ausprobieren. Hier gibt’s natürlich keine Möglichkeit zum Aufhängen, aber ich denke mir, dass sie auch so als Biwak-Sack gut funktioniert. Mit Luftmatratze drin klappt’s auf der recht schmalen Bank ganz gut. Einzig die Klimaanlage ist recht laut, aber das Noise Cancelling der AirPods kriegt das fantastisch hin. Gegen 4 Uhr rollen die ersten Lastwagen zur Großbäckerei nebenan, ich döse trotzdem noch eine Stunde weiter. Zweiter Test der Nacht übrigens meine neue Daunenjacke statt Schlafsack, das klappt erstaunlich gut. Nur an den Füßen wurde mir kalt.

Ab jetzt: Höhenmeter

Um 5:30 Uhr rolle ich vom Hof und es geht tatsächlich direkt los mit den Höhenmetern: Wunderschön von Dorf zu Dorf, ich bin direkt warm und die Daunenjacke wieder aus, die Ausblicke gerade jetzt am Morgen fantastisch. Wundere mich über die Ortsnamen („Pröda bei Perba“) und die um kurz vor 7 Uhr alle an der Straßen stehenden Rentner*innen beim Warten auf den Bäckerwagen. Möchte auch Frühstück! In Oederan will ich zum Edeka, Eva schreibt „1 km Umweg“, aber es sind vor allem auch gefühlte 100 Höhenmeter. Dafür gibt’s sogar viel vegane Auswahl beim Bäcker und für die Pouch gesalzene Treets, die werden später noch hilfreich.

Direkt hinter dem Ort belohnt mich ein Anstieg mit Bahnübergang, an dem sogar ein Zug kommt. Ich genieße die Ausblicke, rechts von mir ständig die Augustusburg, dann eine Holzbrücke und die Wasserbrücke von Krumhermersdorf. Das Erzgebirge ist echt schön! Finde um 11 uhr den Penny mit der schönsten Aussicht, man sagt hier „Glück auf“. In Wolkenstein ein alter Zug als Hotel und Gaststätte, dann einer der bisher steilsten Anstiege zum Friedhof in Streckewalde. Die Leute am Rand gucken mich an wie einen Außerirdischen. In Geyersdorf doch noch einmal zum Netto, es ist warm und die Getränke werden schneller leer als gedacht.

Auf den Fichtelberg

Überhaupt hat Eva die Route so gut entlang von Versorgungspunkten geplant, dass ich zwischendurch an den neuen Namen „Berlin hat Nettos“ denke. In Oberwiesenthal macht die Route plötzlich einen Schlenker und sehe dann: Es geht direkt an den öffentlichen Toiletten lang – genau wie gerufen. Ich mache mich etwas frisch, creme mich noch einmal nach, ehe es auf den ersten richtigen Gipfel des Brevets geht. Nach der Vierenstraße wirken die letzten Kilometer fast trostlos, aber ich sehe viele weitere Rennräder mit Gepäck, sogar ein SRAM-Zelt kurz vorm Gipfel. Ob hier wohl ein Event stattfindet? Später weist mich jemand auf den Stoneman hin, aber beim Betrachten der Flybys im Nachhinein finde ich heraus, dass es das Ultra-Rennen „Rund um Sachsen“ war.

Oben auf dem Gipfel erst das offizielle Checkpoint-Foto, dann kurzes und spätes Mittagessen: Der Bulgur-Gersten-Salat aus dem Netto. Vegan auf Langdistanz ist noch einmal eine eigene Herausforderung. Was ich auch unterschätzt habe: Wie viel Zeit mich die vielen Höhenmeter kosten. Ursprünglich hatte ich mir im Kopf das Ziel gesetzt, den Schneeberg auch noch am Samstag zu schaffen. Der ist aber noch 140 Kilometer und mehr als 2.000 Höhenmeter weit weg. Außerdem wollte ich mindestens eine Nacht ins Hotel, um einmal alles frisch zu machen und richtigen Schlaf zu kriegen. Neuer Plan also: Bis Hof, dort dann hoffentlich auch richtig Abendessen und vor allem Frühstücken.

Was das mental ausmachen kann, so ein richtiges Ziel zu haben. Ich drehe eine kleine Extrarunde, nur um einmal über Grenze nach Tschechien zu fahren. Die nächsten kleineren Anstiege genieße ich wieder richtig und freue mich anschließend über die Teufelssteine im Steinbachtal. Ich fahre ein kurzes Stück mit einer weiteren Rennradfahrerin, die mich nach dem Weg fragt, aber ich ihr auch nur mit den nächsten Berliner Höhenmetern weiterhelfen kann. In Tannenbergsthal dann noch einmal zum Norma, der aber enttäuscht. Jetzt mache ich mir Verpflegungs-Sorgen: Es ist schon nach 18 Uhr, bald wird auch der Rest für mindestens zwei Tage schließen (warum muss ich auch Pfingsten fahren!).

Tiefpunkt: Banane verloren

Es geht ins Vogtland, hier war ich 2019 schon mal auf der 800 km-Tour zum Brenner. Ob ich wohl die Ecke erkenne, an der ich meine alte Strecke kreuze? (Nein). Überhaupt hängt das Gemüt jetzt gerade so schief wie meine Satteltasche, die im Schatten wie ein Pferdekopf aussieht). Kann mich gar nicht so richtig über die Grenzüberfahrt nach Bayern freuen und verliere dann zu allem Überfluss noch meine Banane, die ich seit dem Edeka am Morgen auf die Satteltasche geklemmt hatte. Es mag banal klingen, aber in dem Moment habe ich kurz ans Aufgeben gedacht: Da schleppt man sein Proviant schon so lange mit sich über die vielen Höhenmeter und dann reicht ein ruppiger Radweg-Übergang, um sich zu verabschieden.

Der Lichtblick dann wieder, als Hof auf der Wahoo-Karte erscheint. Vorher noch einmal fantastische weite Ausblicke im Sonnenübergang über die leuchtenden Rapsfelder. Leider war ich zu langsam für die letzten Supermärkte in Hof: Alles schon zu, auch der fürs Abendessen ausgesuchte Vietnamese macht vor meinen Augen zu, also direkt ins Hotel und dort doch noch beim Lieferdienst fündig geworden. Noch einmal raus und in Cleats durch die Stadt laufen wollte ich nicht. Frisch geduscht geht’s ins Bett, fühlt sich das toll an, die Augen gehen zu und sofort klingelt wieder der Wecker. Denke, ich muss zur Schule und frage mich, wo zum Teufel ich gerade aufgewacht bin: Die Gardinen kenne ich gar nicht?

Toll: Das Frühstücksbuffet geht bereits um 6:30 Uhr los, hat ausreichende vegane Optionen und wurde mir obendrein noch geschenkt. Ob das so schlau war? Ich stärke mich und nehme keine Rücksicht auf finanzielle Verluste des Hotels. Trödle dadurch auch ein bisschen, aber kurz vor 8 Uhr bin ich wieder auf der Strecke. Es geht wieder mit den gleichen schönen Ausblicken weiter, aber in deutlich besserer Stimmung: Was so eine Nacht im Bett und vor allem die Stärkung ausmachen können. Die Arschrakete sitzt übrigens auch wieder richtig. Ich bin fast der einzige auf den Straßen, nicht einmal Autos begegnen mir hier Sonntags morgens.

Der zweite Checkpoint: Schneeberg

Schon eine Stunde später erscheint der Turm auf dem Schneeberg am Horizont: Da geht’s jetzt rauf. Der Anstieg klappt gut, nur das Wahoo lügt mich mit der Steigung auf der Karte ständig an. In einem Moment ist es noch warnend orange, im nächsten heißt es wieder „ach, wird flach!“, war natürlich gelogen. Oben angekommen treffe ich in der Frühe auf drei junge Wander*innen, die direkt das nächste Checkpoint-Foto von mir machen. Sie wollen heute noch ein paar Gipfel erklimmen, das passt, ich ja auch. Melde mich mit einem Zwischenstand zu Hause und kriege nur ein „Du bist ja so gut drauf!“ zurück.

Im Gegenwind Richtung Brocken

Die gute Laune lag sicher auch am Rückenwind, der mich zum Schneeberg nur so geschoben hat. Jetzt geht’s leider in den Gegenwind Richtung Brocken, aber das Gemüt bleibt gut. In Münchberg will ich einen Verpflegungsstopp einlegen, Eva lenkt mich zur Konditorei, die sieht doch gut aus – aber es gibt nicht einmal veganes Eis, einzig Hafermilch. Ich bestelle Latte Macchiato und ärgere mich später, dass ich hier so viel Zeit vertrödelt habe. Mache direkt bei der Tankstelle noch einmal Stopp, Getränke und Eis, das kann man auch während der Fahrt essen. Hinter Münchberg das Paradies der Verpflegung: McDonalds, Burger Kind, Lidl, Aldi, alles an einem Ort. Wenn doch kein Sonntag wäre!

Hinter Helmbrechts folgt ein Abschnitt auf einer ehemaligen Eisenbahnstrecke, hier lässt es sich im Flachen plötzlich wieder richtig beschleunigen, ich fühle mich selbst wie eine Vectron. Später immer mal wieder Baustellen und Sperrungen, aber mit dem Rad kommt man meist durch. In Selbitz dann wieder von Eva zur schönsten öffentlichen Toilette geführt worden, passend zur 500-Kilometer-Marke. Die Hälfte ist durch, es fühlt sich doch aber schon so viel länger an. Immerhin wird’s mit den Anstiegen gen Norden gerade erst einmal wieder moderater.

In Bad Lobenstein hat nichts Passendes für ein Mittagessen auf, also wieder zur Tanke, mit dem bisher größten Toilettenschlüssel-Anhänger: Einer Ölflasche. Auf den nächsten Dörfern gibt’s eigentlich immer Dönerläden, aber auch die haben heute alle zu. Es zieht sich ein bisschen in der Mittagshitze und mit dem Gegenwind, an der Saale aber dann plötzlich die rettende Oase: Ein Imbiss am Radweg, der sogar ein „Veggie-Brötchen“ anbietet. Ich kriege es auf Nachfrage vegan. Hier treffe ich auch noch auf weitere Bikepacker, ein Fahrer ist mit insgesamt 40 kg auf einem Stahlrad mit nur fünf Gängen unterwegs. Aber auch er und sein Mitfahrer schlafen in Hängematten. Vielleicht sollte ich es heute Nacht auch noch einmal probieren?

Gotthardpass in Thüringen

Es folgen wieder schöne Wirtschaftswege, weite Blicke und ein leeres Dorf nach dem nächsten. Entlang einer Bahnstrecke lässt es sich wieder gut rollen, mein Wunsch nach einem Flyby mit einem Zug bleibt aber unerfüllt. Als ich mich gerade schon fast ans Fahren im Flachen gewöhnt hatte, folgt in Orlamünde ein steiler Anstieg mit Serpentine auf Kopfsteinpflaster: Ein bisschen St. Gotthardt in Thüringen. Zwischen Zweifelbach und Drößnitz kommen mir viele Rennradfahrer*innen entgegen, auf den Flybys später sehe, ich dass sogar eine ehemalige Klassenkameradin dabei war. Klein ist die Welt!

Bis Weimar passiert gefühlt nicht mehr viel, ich bin schon wieder müde und mache nicht mal mehr Fotos. Der Lichtblick: Abendessen in Weimar, rolle über die Ostkrone der Stadt hinein, aber der Chinese hat doch nicht so viel vegane Auswahl wie gedacht und die Pizzeria sagt mir auch nicht zu. Am Ende sitze ich beim gleichen Burger Kind, den Eva in ihrem Bericht beschreibt. Immerhin ein sicherer Hafen für vegane Sachen, die mir heute zum Glück auch nicht schwer im Magen lagen. Ich kann sogar noch Eistee in die Flaschen nachfüllen.

Die Oase mitten im Nichts, mitten in der Nacht

Es geht in die dritte Nacht, ich rolle in den schönen Sonnenuntergang aus Weimar heraus. Eva schrieb, „ab jetzt wird’s flach“, und ich hatte erst Angst wegen des Gegenwinds. Aber der hat jetzt nachgelassen und so geht’s wieder zügig voran. Viele Wirtschaftswege, entlang von Kanälen und Eisenbahnstrecken, einmal wird sogar neben mir ein Feuerwerk gezündet. Danke für die Motivation! Den Kyffhäuser lasse ich auch rechts liegen, denke schon paranoid bei jedem dunklen Objekt im rechten Augenwinkel, „ah, das muss der Kyffhäuser sein“. Jetzt im Dunkeln verzichte ich auch auf ein paar Abkürzungen über Wirtschaftswege und bleibe auf der Straße.

Überlege die ganze Zeit, in einem der nächsten Dörfer irgendwo einen Schlafplatz zu suchen, gleichzeitig habe ich die Idee vom Brocken im Sonnenaufgang im Kopf. Die letzten flachen Kilometer vor dem Harz verfliegen und ich sorge mich gerade wieder um meine Verpflegung, als plötzlich wie aus dem Nichts im Dunkeln ein 24-Stunden-Supermarkt auftaucht. Cool: Der hat sogar am Sonntag auf! Nicht so cool: Von der Dorfjugend direkt gesiezt werden. Und im Rückblick hätte ich vielleicht doch den Alpro-Joghurt nehmen sollen. Leider nur maues Essens-Angebot, aber die Flaschen sind wieder voll.

Mit der Hängematte im Bushäuschen

Ab jetzt geht’s bergauf. Es ist sternklar, meine Lampe leuchtet die Anstiege hinauf, niemand außer ich und The Who auf einem AirPod. Mein üblicher Pop wirkt jetzt irgendwie nicht so passend, aber überhaupt Musik zu hören ist ein weiterer Game-Changer für mich: So lässt es sich gut vorankommen. Der Blick in jedem Dorf sofort zu den Bushaltestellen, leider kein Glück, und in Neustadt und Illfeld will ich auf den alten Randonneurs-Trick zurückgreifen, aber die Sparkassen sind komplett zu. Bis Zorge fahre ich noch, das liegt kurz vor dem Punkt, wo es dann so richtig zum Brocken hochgeht. Hier steht eine Bushaltestelle im Dunkeln, perfekt, ich hänge direkt meine Hängematte auf, leider ist das Bushäuschen etwas kurz, so sitze ich halt mehr. Auf die Idee, sie diagonal aufzuhängen, komme ich erst später, dann wäre man auch besser vor Wind geschützt. Jetzt hänge ich halb draußen, es wird doch recht frisch. Ein Nachteil an der Hängematte: Ich kann meine Beine nicht wirklich bewegen, das war auf der Bank besser.

Nach zwei kurzen und kühlen Stunden Ausruhen will ich direkt weiter, der Sonnenaufgang auf dem Brocken ist zwar nicht mehr zu schaffen, aber ich würde gerne heute Abend noch in Berlin ankommen. Kurzer Schock direkt zurück auf dem Rad: Die Schalthebel sind beide plötzlich leer und das Wahoo ist schon das zweite Mal abgestürzt. Ersteres Problem behebe ich, indem ich die Batterien ausbaue und kurz mit den Händen wärme. Hat funktioniert! Den Sonnenaufgang kriege ich dann trotzdem, richtig romantisch mit Ausblick auf den Brocken.

Die letzten Kräfte für den Brocken

Die steilen Stücke hinauf kosten mich meine letzten Kräfte, „es ist ja der letzte Anstieg“, denke ich mir. Muss mehrere Male Pause machen, danach geht’s wieder, zum Glück ist man dann ja doch immer schneller oben als gedacht. Mit mir um 7 Uhr übrigens eine Menge E-Bike-Fahrer*innen, die auch nett ein Foto von mir machen und plötzlich alle wieder weg sind – ist das ein neues Programm, ‚vor dem Hotelfrühstück rauf auf den Brocken‘? Ich genieße noch kurz die heute kilometerweiten Ausblicke, man könnte meinen, dass ich das Ziel in Berlin schon wieder sehen kann.

Zur Abfahrt ziehe ich mir auch wieder meine neue Steppjacke mit den Synthetik-Daunen an. Das funktioniert super. Als es zwischendurch mal wieder kurz bergauf geht, merke ich, dass mein Körper gerade doch irgendwie abschalten will. In Schierke lege ich mich noch einmal in eine Bushaltestelle und wärme mich in der Sonne auf. Kurzer Powernap, dann kommt der Bus, aber die Energie ist trotzdem nicht zurück. Der Lichtblick: Gleich wird doch irgendwo ein Frühstück aufzutreiben sein. Aber am Feiertag hier gar nichts auf. Überlege kurz, ob ich bei einer Pension nach Frühstück fragen soll, bin dann aber zu geizig – auch mit der Zeit. Google Maps sagt, in Elbingerode hat Steinecke geöffnet, ich sehe mich schon mit einer veganen Zimtschnecke. Doch das war nicht das einzige Mal, dass mich die Öffnungszeiten auf Google Maps heute austricksen sollen.

Jetzt tut alles gleichzeitig weh

Und dann kommt noch dieser elendige Anstieg hoch nach Hüttenrode! Überall nur irgendein Rode, jetzt schon wieder zu viel Sonne, aber warm werde ich nicht und die Beine treten auch nur im Notbetrieb. Mittlerweile tut auch alles gleichzeitig weh, vorher haben sich die Schmerzen abgewechselt. Mit einigen Pausen schleppe ich mich nach Quedlinburg, hier natürlich auch keine einzige geöffnete Bäckerei, es wird die Tankstelle mit der räudigsten Toilette und nicht mal einem Spiegel fürs Eincremen. Am Bahnhof hat der Döner auf, es gibt sogar Pasta Napoli, „ohne Käse ist das vegan“, ich kriege natürlich trotzdem Käse, der mir nur lieblos heruntergekratzt wird. Egal, rein jetzt mit den Kohlenhydraten.

Danach kommt ein langer Tunnel, ich trete so vor mich hin, irgendwann noch einmal ein etwas anstrengender Anstieg, aber ab jetzt müsste es das wirklich gewesen sein. Viele wunderschöne Betonplattenstrecken. Eva erinnert mich unterwegs an die Eisenbahnbrücke in Barby und ein Eis in Zerbst, das sind jetzt die mentalen Zwischenziele. Hinter der Eisenbahnbrücke gönne ich mir noch ein kurzes alkoholfreies Radler, schon mein zweites der Tour, da bin ich irgendwie auf den Geschmack gekommen. Nach dem Eis in Zerbst (es gab immerhin eine vegane Eissorte!) geht es langsam bergauf. An der Tankstelle sehe ich einen weiteren bepackten Radfahrer, aber er ist schon wieder weg, als ich herauskomme. Ob er auch ‚Berlin hat Berge‘ abfährt? Was treibt einen sonst nach Zerbst?

Mit Begleitung Richtung Berlin

Ab jetzt geht’s wieder bergauf, zum Glück auch nur mental und nicht topografisch. Ich meine, den anderen Fahrer in der Ferne erkennen zu können und möchte ihn einholen. Irgendwann überhole ich ihn bei einer Pause, will aber jetzt auch nicht stoppen, danach tut’s immer am meisten weh. Endlich wirken auch die ganzen Snacks, der Rückenwind wird stärker und dass hinter mir noch ein weiterer Verrückter fährt, motiviert noch einmal mehr. Irgendwann holt mich Felix, wie er sich vorstellt, ein, und wir fahren bis Brück gemeinsam weiter. ‚Berlin hat Berge‘ ist er nicht gefahren, kommt aber gerade von einem Camping-Trip im Harz zurück, An- und Abreise per Rad inklusive.

Hinter Borkheide geht’s auf diesen unglaublich verwurzelten Abschnitt des R1. Der finale Material- und Körpertest. Ich fluche kurz, jetzt wird noch einmal jeder Schmerz der letzten Tage ausgepackt und geht in die Reprise. Und plötzlich geht’s auch wieder gut bergauf! Berlin hat ja tatsächlich Anstiege. Am Schwielowsee überholen mich zu allem Überfluss dann noch E-Biker*innen, nur, um mich bergab wieder auszubremsen. Dann endlich: Potsdam, der steiler wirkende Schäferberg, Krone und rein in die Stadt. Kurz vorm Brandenburger Tor entdecke ich schon zwei Menschen, die auf mich zu warten scheinen, wie schön! Jeder Schmerz ist vergessen, ich bin wieder da, das ging am Ende doch alles ganz schnell. Und die Hypothese ist wieder einmal bewiesen: Berlin hat Berge!

Am Ende ging alles irgendwie ganz schnell – Eva empfing mich sehr lieb am Brandenburger Tor

Danke!

Vielen Dank an Eva für die tolle Strecke und den digitalen Support unterwegs, vor allem aber für den lieben Empfang am Brandenburger Tor inklusive der hinterm Brocken so vermissten Zimtschnecke. Wer mehr zum Brevet wissen möchte und/oder selber die Route mal nachfahren möchte, findet alles dazu auf Evas Blog.

Abschließend noch ein kurzes Resümee zu den Umständen: Mit dem Wetter hatte ich wahnsinnig Glück, es war nie zu kalt oder zu warm, es hat keinen einzigen Tropfen geregnet. Der Wind war selbst am Gegenwind-Tag auszuhalten. Ich hatte keinen Platten und bis auf die eine Batterie-Panne keine Defekte. Körperlich geht’s mir auch besser als nach so manchen Ein-Tages-Events. Danke auch für das viele Mitfiebern über Instagram, jede Nachricht oder Reaktion gibt an den Anstiegen immer ein bisschen mehr Motivation.

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