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Berlin-Brandenburg Max

Velothon 2015

„Na Max, schon aufgeregt?“ – Keine andere Frage hörte ich in den letzten Tagen öfter. Klar war ich aufgeregt, immerhin stand mein erstes Radrennen an, wenn auch „nur“ ein Jedermann-Rennen. 120 Kilometer auf dem Garmin Velothon Berlin, umgeben von tausenden anderen Radbegeisterten. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Fragen schwirrten in meinem Kopf. Was passiert, wenn ich von der ganzen Masse überrumpelt werde und stürze? Was, wenn ich einen Platten habe? Und was mache ich, wenn mich unterwegs die Kräfte verlassen?

Dank Kollegen zum Startplatz

Los ging der ganze Trubel ja mit einer kurzen E-Mail von meinen Kollegen aus einer Abteilung, in der ich als Azubi mal war. Dort muss ich anscheinend genug über mein Hobby erzählt haben, dass das Team auch noch zwei Jahre später an mich dachte, als ein Startplatz übrig blieb. Ich grübelte nicht lang und sagte sofort zu. Dann lag es bei mir: Die kurze oder die lange Distanz? Da ich mir überlegte, auf den 120 Kilometern mehr geübte Rennradfahrer zu treffen und Angst vor Raudis auf den 60 Kilometern hatte, fiel diese Entscheidung auch nicht schwer. Kaum hatte ich meinen Startplatz, stieg die Aufregung – aber vor allem die Vorfreude.

Training für den Velothon

Mit dem anstehenden Rennen im Hinterkopf ging ich die Trainingsfahrten nach der Anmeldung noch etwas ehrgeiziger an. Ich muss zugeben: Die ein oder andere Trainingsfahrt (vor allem bei Regen) hätte es ohne den Velothon wahrscheinlich gar nicht gegeben. Mein Ziel war es, den Schnitt möglichst lange oben zu halten, die ganze Fahrt mit voller Kraft durchzutreten und zwischendurch auch noch den ein oder anderen Sprint einzulegen. Als ich auf einer 60 km-Ausfahrt einen Schnitt von 34 km/h schaffte, stand mein Ziel fest: Das will ich auch im Rennen schaffen. Mein Gedanke: Im Peloton und mit Adrenalin halte ich das auch auf einer doppelt so langen Distanz durch.

Ein möglichst normaler Tag

Schnell rückte der große Tag näher und ich versuchte, die Sache möglichst ruhig anzugehen. Noch eine kurze Trainingsausfahrt am Abend davor, eine ganze Packung Miracoli vor dem Schlafengehen und einen Bananen-Milchshake inklusive Nutella-Toast zum Frühstück. Mit frisch rasierten Beinen und angebrachter Startnummer ging es los. Der erste Schock: Man, ist das kalt! Bei knapp über 10 Grad bereute ich es zuerst, nur „kurz“ angezogen zu haben. Im Startblock D angekommen stellte ich mich erst einmal in die Sonne, um wenigstens die Gänsehaut loszuwerden. Die letzten Fotos gemacht und noch kurz von der Aufregung getwittert, dann ging es in den ersten Startblocks auch schon los.

Kaum Erinnerungen an den Start

Die ersten und letzten Kilometer der Strecke führen ja an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Berlins vorbei. Blöd nur, dass ich mich so auf die anderen Mitstreiter konzentriert habe und darauf, nirgendwo anzuecken, dass ich davon kaum etwas mitbekam. Zum Glück blieb das von mir befürchtete Chaos aus und ich setzte mich direkt mit ein paar anderen aus dem Startblock ab. Jetzt galt es für mich, jemanden in meinem Tempo zu finden, bei dem ich mir Windschatten klauen konnte. Ich wollte die erste Hälfte ja möglichst ruhig angehen, damit ich noch genügend Power für den Rückweg habe.

Ausreißen auf der Havelchaussee

Kurze Zeit nach dem Start war eine geeignete Gruppe gefunden. In eiligem Tempo ging es Richtung Grunewald, und bereits an den ersten Anstiegen auf dem Spandauer Damm fielen einige zurück, andere nutzten die Gelegenheit, sich nach vorne zu schlagen. Ich selbst blieb erstmal ganz locker und in meiner Gruppe. Als es dann auf die Havelchaussee ging, wurde mir mein Windschattengeber allerdings schnell zu langsam – ich brach meinen Vorsatz und führte jetzt meine Gruppe über das Berliner „Gebirge“ – was für ein geiles Gefühl. Mein Puls raste, aber im Gegensatz zum Training spornten mich Mitfahrer und das ganze Publikum so an, dass mein Gefühl mir sagte: Da geht noch mehr! Ein weiterer Adrenalinschub folgte, als ich die ersten Fahrer aus Startblock C überholte.

„Rechts! Rechts! Rechts!“

Durch Dahlem, Lichterfelde und Zehlendorf ging es dann wieder in einem riesigen Gewusel – das musste der komplette Startblock C sein, den es hier zu überholen galt. Schließlich waren die mir zu langsam. Zusammen mit etwa 5-8 anderen Fahrern aus meinem Startblock zogen wir links vorbei, immer wieder ausgebremst durch die ein oder andere Gefahrenstelle. Doch auch hier war ich positiv überrascht: Das gesamte Peloton warnte frühzeitig vor den Verkehrsinseln oder scharfen Kurven. So kam in meinem Umfeld keiner zu Sturz und ich konnte mich auf meine Vorausfahrer konzentrieren. In Kleinmachnow verließen wir dann Berliner Stadtgebiet und ich konnte meiner Tante und meinem Cousin im Vorbeifahren kurz am Straßenrand zuwinken, die sich dort extra zum Zujubeln an den Straßenrand gestellt haben.

Der schlimmste Teil des Rennens

Hinter Stahnsdorf begann dann das richtige Brandenburg mit all den Wäldern und vor allem Feldern. Hier spürte man den Gegenwind jetzt so richtig. Als ich einmal kurz alleine an einer größeren Gruppe vorbeifahren wollte, merkte ich, wie mein Tempo durch den Wind ausgebremst wurde. Also schnell wieder rein ins Feld und Windschatten suchen. Leider schien ich hier ein sehr aufgewühltes Feld erwischt zu haben. Es fiel mir hier sehr schwer, meine Spur zu und ein gleichmäßiges Tempo zu halten. Fast hätte ich eine Mitfahrerin hinter mir zu Sturz gebracht. Leider zog sich dieses Gewusel noch komplett durch Ludwigsfelde durch, wo ich immer eng zwischen linker Bordsteinkante und rechtem Mitfahrer balancierte. Als es Richtung B101 ging, zog sich das Feld zu meiner Erleichterung wieder etwas in die Länge und ich konnte mich wieder in eine längere Reihe einreihen.

Autobahn-Feeling

Auf der extra für das Rennen gesperrten Bundesstraße hieß es jetzt Tempo machen. Mit Rückenwind und in einer langen, geraden Kette ging es jetzt mit knapp 50 km/h in Richtung Hauptstadt zurück. Manchmal musste ich aus der Gruppe ausscheren, um keinem reinzufahren – da merkte ich wieder, wie schwer es war, ohne Windschatten das Tempo zu halten und meine Beine meldeten sich. Kaum war die Stadtgrenze überschritten, wurde es wieder enger. Auf meiner Stammstrecke in Mariendorf kannte ich allerdings jedes Schlagloch und nutzte den Heimvorteil, wieder etwas weiter nach vorne zu gelangen. Viele schienen sich außerdem auf dem langen Abschnitt der ausgebauten B101 etwas zu sehr verausgabt zu haben, und so konnte ich auf dem Mariendorfer Damm ganz entspannt in einer kleinen Gruppe davondüsen.

Mit voller Power vorbei an allen anderen

Jetzt ging es über das Tempelhofer Feld zurück in die Innenstadt. Eigentlich wollten hier Daniel und Ines warten, doch ich hatte nicht damit gerechnet, einen 39,5er Schnitt hinzulegen und überquerte den ehemaligen Flughafen natürlich viel zu früh. Ab jetzt wollte ich nochmal richtig Gas geben. Meine Banane im Trikot und die zweite Trinkflasche noch nicht mal angerührt strotzten meine Beine nur so vor Energie und ich gab auf den letzten 20 Kilometern noch einmal alles. Rechts ließ ich alle ausgelaugten Fahrer, teilweise sogar aus dem eigenen Verein, liegen und nahm wieder die Führung einer Gruppe ein. Am Hauptbahnhof gab es noch einmal einen kurzen Anstieg, der die Gruppe zerriss – dann ging es auf die Zielgerade.

Alle Erwartungen übertroffen

Glücklich und zufrieden kam ich also nach 3 Stunden und 36 Sekunden im Ziel an. Ich war begeistert und enttäuscht, dass es schon vorbei war, ich hätte noch ewig so weiterradeln können. Ich war stolz, mich selbst übertroffen zu haben – was bei meinem gesetzten Ziel von 34 km/h ja auch kein Kunststück war, und alles heile überstanden zu haben. Nach einem Schwenk über die sehr organisierte und umfangreiche Messe ging es dann für mich nach Hause. Auf dieser Strecke merkte ich dann doch, wie sehr die drei Stunden Dauerbelastung an meinen Beinen gezerrt haben. Mein Fazit: Die Passagen in den sehr großen Gruppen muss ich eigentlich nicht noch einmal haben, aber das Gefühl mit solch einer Geschwindigkeit über gesperrte Straßen zu radeln war einfach unbeschreiblich. Mal sehen, wann es mich das nächste Mal auf ein Rennen verschlägt – dann vielleicht ja sogar mit Philipp.

Mein Ergebnis

3:00:34 – 39,5 km/h
Platz 52/276 in meiner Altersklasse (Männer)
Platz 649/3631 Gesamt auf 120 km

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