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USA 2016

Auf in die Berge

Der Großteil der Strecke führte heute immer leicht bergauf entlang des Arkansas River
Der Großteil der Strecke führte heute immer leicht bergauf entlang des Arkansas River

Die heutige Etappe war eine der bisher schönsten und auch schnellsten – der Wind schien wieder einiges gut machen zu wollen. Doch was wäre eine perfekte Etappe ohne einen Haken.

Auf der Schnellstraße raus aus Colorado Springs

Eigentlich hatte ich geplant, heute möglichst früh zu starten, um noch bei weniger Wind losfahren zu können – und lang genug würde die Etappe auch so werden. Doch ich konnte gestern Abend aufgrund der Hitze im Zimmer nicht so richtig gut einschlafen – das vertagte ich dann auf heute morgen. Also blieb ich noch etwas länger liegen und startete erst gegen halb zehn in Colorado Springs. Nach nur wenigen Metern war ich bereits auf der Route 115, die mich aus der Stadt führen sollte. Doch mit jedem Kilometer wurde der Verkehr um mich herum stärker und die bereits vierspurige Straße entwickelte sich zur autobahnähnlichen Schnellstraße mit Auf- und Abfahrten. Gemütlich ließ es sich so nicht wirklich fahren. Zum Glück nahm der Verkehr irgendwann wieder ab und die Straße schrumpfte auf eine Spur pro Richtung zurück.

Die ersten Kilometer war die Route 115 noch eine viel befahrene, vierspurige Schnellstraße
Die ersten Kilometer war die Route 115 noch eine viel befahrene, vierspurige Schnellstraße

Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg

Ab jetzt konnte man auch die idyllische Umgebung etwas besser genießen. Links und rechts der Straße erhoben sich große Hügel, mal aus Stein, mal bewachsen mit kleinen Bäumen und Gestrüpp. Und am Horizont immer die schneebedeckten Bergzüge der Rockies. Die Anstiege summierten sich bereits gut zusammen, so dass ich am höchsten Punkt auf der 115 auf über 2.000 Meter aufgestiegen war. Doch es ging meist auch wieder zügig bergab, so dass ich die Höhe leider nicht halten konnte. Bis Canon City raste ich jetzt quasi wieder bergab – alles Höhenmeter, die ich am Ende des Tages wieder hochklettern musste. Doch für den Moment genoss ich es, mal nicht treten zu müssen.

Später wurde die 115 dann zur idyllischeren Straße. Hier gab es auch bereits die ersten größeren Anstiege zu bezwingen, die mich auf 2000m Höhe beförderten
Später wurde die 115 dann zur idyllischeren Straße. Hier gab es auch bereits die ersten größeren Anstiege zu bezwingen, die mich auf 2000m Höhe beförderten

Plötzlich Rückenwind

In Canon City selbst legte ich eine kurze Mittagspause ein, wobei ich mir nur einen Eistee und Sonnencreme bei Walgreens besorgte und ansonsten mein eigenes Proviant mal etwas verbrauchen wollte. Außerdem war ich noch satt genug vom Frühstück. Bereits hier in der Stadt merkte ich, dass der Wind jetzt anscheinend immer mehr zum Rückenwind werden würde. Bereits bis hierhin blieb ich vom angekündigten Südwind weitestgehend verschont. Wollte der Wind etwa wieder etwas gut machen und sich für Samstag entschuldigen? Es schien so: Kaum wieder im Sattel, wurde ich richtig angeschoben. Und das kam wie gelegen: Hinter Canon City lag der steilste Anstieg des Tages. In der Spitze mit 6% zwar immer noch flacher als so mancher Anstieg in den Appalachen, aber in der warmen Sommerhitze kam ich trotz des Rückenwindes gut ins Schwitzen.

Hinter Canon City folgte dann der steilste Anstieg des Tages, an dem ich ordentlich ins Schwitzen kam
Hinter Canon City folgte dann der steilste Anstieg des Tages, an dem ich ordentlich ins Schwitzen kam

Atemeraubende Ausblicke

Der Anstieg selbst war bereits ein landschaftliches Highlight – man fuhr ständig durch die roten Steine hindurch. Aber bei der Abfahrt wurde man dann plötzlich mit einem wunderbaren Ausblick über das komplette Tal, das folgen würde, belohnt. Leider ging es fast die gesamten erst mühsam gewonnenen Höhenmeter wieder herunter. Und auch direkt so steil, dass ich beim Fotografieren wahnsinnig aufpassen musste. Von jetzt an würde es bis Salida die ganze Zeit in einer leichten Steigung bergauf gehen. Ich plante schon, was für einen Durchschnitt ich wohl schaffen würde, und dass ich selbst mit einem 15er-Schnitt noch gut dabei sein würde.

Nach dem Anstieg folgt die Belohnung in Form einer langen Abfahrt mit fantastischem Ausblick
Nach dem Anstieg folgt die Belohnung in Form einer langen Abfahrt mit fantastischem Ausblick

Ein Anstieg, der gar keiner ist

Doch es kam viel besser: Der gleiche Effekt, der mich am Samstag ans Ende meiner Kräfte brachte, schien jetzt umgekehrt zu wirken. In dem schmalen Tal, in dem sich die Route 50 jetzt immer entlang des Arkansas River hochschlängeln würde, wehte der Wind wieder mächtig stark – und auch wieder bergauf. Dieses Mal war das glücklicherweise auch endlich meine Richtung. Und so konnte ich teilweise mit über 30 km/h die Berge hochballern – wobei es meist fast danach aussah und sich erst recht so anfühlte, als würde es nur bergab gehen. 60 Kilometer waren es noch bis Salida, die in Windeseile verflogen. Die Straße selbst war nicht zu stark befahren, und alle paar Kilometer gab es einen öffentlichen Rastplatz am Straßenrand – die aber alle Geld kosteten. Das war der wohl bisher beste Part der Reise: Bergauf vom Wind geschoben – mit einem herrlichen Ausblick auf die Berge links und rechts und in der Ferne.

Speichenbruch, der dritte

Die Höhenmeter verstrichen und verstrichen, bis sich knapp 20 Kilometer vor Salida das Tal plötzlich öffnete und die Unterstützung vom Wind verschwand. Und viel schlimmer: Der Wind änderte plötzlich seine Richtung. Auf den letzten Metern hieß es jetzt also wieder, voll in die Pedale zu treten – und die Beine machten sich nach über 140 Kilometern auch bereits bemerkbar. Immerhin ging es trotzdem schneller als Samstag voran. Bis ich nach wenigen weiteren Kilometern ein mittlerweile bekanntes Geräusch hörte: „Pling“. Der dritte Speichenbruch. Ich quälte mich noch über die letzten Anstiege bis kurz vor den Ortseingang, weil ich bisher kein Netz hatte und nach einem Fahrradladen googeln wollte. Und kaum kurz vor Salida angehalten, kam ein MTBer auf mich zu und fragte mich, ob alles ok sei. Auf meine Frage, ob er einen Radladen kennen würde, sagte er nur: „Follow me, I’ll bring you to a shop.“

Retter in der Not: Anton hat meine Speiche getauscht, obwohl er nicht geöffnet hatte
Retter in der Not: Anton hat meine Speiche getauscht, obwohl er nicht geöffnet hatte

Fahrradstadt Salida

Und wie sich dann beim Fahren herausstellte, hatte ich zufälligerweise direkt den Betreiber einer der drei Radläden im Ort (auf knapp 5.500 Einwohner – eine gute Quote!) getroffen. Obwohl Antons Laden Montags nicht auf hat, machte er für mich eine Ausnahme und reparierte meine Speiche und checkte sogar noch einmal die Bremsen. Am Ende wollte er nicht einmal etwas dafür haben. Wahnsinn, wie hilfsbereit Radfahrer untereinander immer sind. Das merkte ich auch kurze Zeit später, als ich mit meinem Host Harry vereinbarte, dass er mich aus der Stadt abholen würde – per Rad. Und so radelten wir die letzten zwei Kilometer zu seinem Haus, das leider auf einem Hügel lag – sechs Prozent Anstieg inklusive. Ohne Eskorte wäre ich wahrscheinlich abgestiegen, doch Harry motivierte mich.

Mit Begleitung zur Unterkunft

Auch dieser letzte Anstieg machte sich ausgezahlt: Von dem schicken Haus, in dem Harry und seine Ehefrau Mira wohnen, hat man einen wahnsinnigen Ausblick auf die Rockies. Die beiden haben sogar einen Whirlpool mit Bergblick. Nach einer Dusche (nicht im Whirlpool) deckte mich Mira noch mit Snacks ein, ehe wir später zum Essen in die Stadt fuhren. Harry hatte hier noch eine Radio-Show moderiert. Und auch daneben hat er ein paar echt aufregende Sachen erlebt: Er ist zum Beispiel zwei Mal bei Paris-Brest-Paris mitgefahren – dafür schon einmal meinen größten Respekt. Es ist immer unglaublich spannend, die ganzen Geschichten der Hosts zu hören. Und gleichzeitig bin ich immer überwältigt von der Gastfreundlichkeit. Jetzt freue ich mich auf ein wunderbar bequemes Bett im eigenen Gästezimmer.

Mit Begleitung; Harry hat mich auf dem Rad abgeholt
Mit Begleitung; Harry hat mich auf dem Rad abgeholt

Die Etappe auf Strava

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