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USA 2016

Gestrandet mit gerissener Kette

Im Gegensatz zum gestrigen Tag war die heutige Etappe wunderbar zu fahren und bot landschaftlich auch einiges mehr - so wie hier den Blick bis zum Illinois River
Im Gegensatz zum gestrigen Tag war die heutige Etappe wunderbar zu fahren und bot landschaftlich auch einiges mehr – so wie hier den Blick bis zum Illinois River

Es war so ein schöner Tag: Der Wind war erträglich, von den angekündigten Gewittern merkte ich kaum etwas und es rollte sich gut. Fast wäre ich bis Quincy gekommen – fast.

Donuts zum Frühstück

Nach dem gestrigen Tag voller Strapazen kam mir das bequeme Bett bei Len und Becky wie gerufen. Ich schlief wie ein Stein und wachte heute morgen wie ein neuer Mensch auf. Nach einem kurzen Geburtstags-Skype mit Babba eilte ich schnell nach oben, denn Len hatte wie angekündigt Kartoffel-Donuts von Spudnuts zum Frühstück geholt. Und ich wurde nicht enttäuscht, die Donuts waren sehr fluffig und lecker. So ein süßes Frühstück hatte ich trotzdem schon lange nicht mehr. Mit vollen Zuckervorräten ging es also gegen halb zehn in Pekin wieder aufs Rad. Pünktlich zur Abfahrt fing es zwar kurz an zu nieseln, doch mit der ersten Pedalumdrehung war schon wieder alles trocken.

Auf das Schlechte folgt das Gute

Und es rollte sich erstaunlich gut: Der Hintern fühlte sich gut an, der Wind war vorerst kaum auszumachen und die Sonne kam zwischen den Wolken hervor. Und so ließ ich die ersten Kilometer ziemlich schnell hinter mir. Direkt nach der Überquerung des Illinois River bog ich auf die Route 24 ab, der ich heute den ganzen Tag folgen würde. Eigentlich sollte dieser Artikel hier deshalb auch „Route 24“ heißen. Denn die Straße war ein wahrer Segen im Gegensatz zu gestern: Es gab viele Bäume, Kurven, ab und an auch Anstiege – aber das alles half dabei, gegen den Wind anzukommen. Manchmal bemerkte man den Wind kaum, und auf freien Flächen ließ es sich trotzdem irgendwie ertragen. Ziemlich schnell war ich dann in Lewistown, wo ich eine Mittagspause bei DQ einlegte – mal wieder ein neues Fast-Food-Restaurant.

Da braut sich was zusammen: Am Nachmittag wurde der Himmel dunkler, aber die große Gewitterfront zog zum Glück vor mir vorbei
Da braut sich was zusammen: Am Nachmittag wurde der Himmel dunkler, aber die große Gewitterfront zog zum Glück vor mir vorbei

The Winner Takes It All

Nachdem ich hier kurz den lokalen Skat-Klub, bestehend aus drei Damen im besten Alter, über meine Tour aufgeklärt hatte, ging es wieder weiter. Die Sonne leistete mittlerweile gute Arbeit und das Garmin zeigte über 30°C an. Die angekündigten Gewitterschauer kamen aber gleichzeitig auch näher, zum Glück hatte ich hier kurzzeitig sogar Rückenwind, so dass ich noch weiter davonfahren konnte. Irgendwann dann fielen ein paar Tropfen vom Himmel – die verdunsteten aber wieder schneller, als dass irgendwas nass werden konnte. Dafür roch es herrlich nach Sommerregen. Vor Rushville dann noch einmal das gleiche Spiel – da hier aber dann doch etwas mehr herunterkam, stellte ich mich kurz am Stadtpark unter. Wie für diese kleinen Städte üblich stand hier ein Pavillon im Park, das zusätzlich mit Musik beschallt wurde. Als hätte die Stadt gewusst, dass ich in diesem Moment hier den Schauer abwartete, ertönte „The Winner Takes It All“ aus den Lautsprechern.

Kurze Pause in Rushville - mit einem hier für Kleinstädte typischen Stadtzentrum
Kurze Pause in Rushville – mit einem hier für Kleinstädte typischen Stadtzentrum

Sorgen um die Kette

Mit einem neuen Ohrwurm ging es dann kurze Zeit später wieder weiter. Mittlerweile war es bereits Nachmittags und ich überlegte, wo ich heute enden könnte. Es würden noch ein paar kleinere Städte an der Route 24 folgen, und ich überlegte, hier einfach an einem Dorfplatz zu campen oder alternativ jemanden nach einem Platz im Garten zu fragen. Insgeheim hoffte ich immer, von jemandem angesprochen zu werden, der mich dann zu sich einlud – das blieb aber eine Wunschvorstellung. Ein bisschen Sorgen bereitete mir meine Kette, die plötzlich anfing, bei jeder vierten Pedalumdrehung leicht zu springen. Muss wohl gut gedehnt worden sein, dachte ich, und schob das Problem aber erst einmal auf. In Quincy oder vielleicht erst in Kansas City würde ich ja einen Bike-Shop aufsuchen können.

Quincy?

In Mount Sterling legte ich dann noch eine kurze Pause bei McDonalds ein, um meine Flaschen aufzufüllen und die Lage zu checken. Für die Nacht war noch einmal Regen angemeldet, Campen wurde also unattraktiver. Ich entschied mich, doch die zwei Warmshowers-Hosts in Quincy anzuschreiben. Noch bei McDonalds erhielt ich eine Antwort von einem Host, der leider bereits weggezogen war, aber noch bei Freunden in der Stadt nachfragen wollte. Leider ergab sich hier nichts, er riet mir aber, in einer Facebook-Gruppe des örtlichen Rad-Clubs mal nachzufragen. Kurioser Fakt am Rand: Zwei Cookies bei McDonalds kosten $1, drei Cookies $1,69. Da war ein Genie am Werk.

Da war die Welt noch in Ordnung: Voller Zuversicht radelte ich nach einem bisher guten Tag in den Abend
Da war die Welt noch in Ordnung: Voller Zuversicht radelte ich nach einem bisher guten Tag in den Abend

Ein Unglück kommt selten allein

Ich radelte in den Abend hinein und erreichte irgendwann Clayton, einer ersten möglichen Camping-Stätte. Von der Straße aus sah ich ein Baseball-Feld mit angrenzendem Pavillons, in denen Bänke standen – das sah schon mal gut aus. Doch es war noch nicht so spät und ich hoffte noch auf eine Antwort aus Quincy, also radelte ich weiter – der Wind war mittlerweile auch nicht mehr so stark. Doch all meine Pläne wurden binnen Sekunden zerstört, als meine Kette plötzlich riss – kurz hinter der Ortsausfahrt von Clayton. Schon wieder eine Panne. Mist. Zu meinem Glück fing es auch noch wieder an zu regnen, dazu kamen die ganzen Mücken und Fliegen zu mir und nervten mich. Ich versuchte ruhig zu bleiben und holte meine Ersatz-Kette raus, warf einen Blick in die Bedienungsanleitung – nicht hilfreich. Google war da schon besser. Ganz zuversichtlich nahm ich das Werkzeug und setzte an, um die Kette zu kürzen. Doch das wollte nicht funktionieren. Gleichzeitig wollte ich die schöne, neue Kette nicht zerstören.

Erster Versuch, die Kette zu installieren: Gescheitert
Erster Versuch, die Kette zu installieren: Gescheitert

Hilfe von Charly und Wade

Ich packte also wieder alles zusammen und schon mein Rad zurück in den Ort. Am anderen Ende des Ortes gab es ein kleines Diner, in das ich dann ging und die Bedienung fragte, ob sie jemanden kennt, der sich mit Fahrrädern auskennt und mir helfen könnte. Sie konnte mir leider nicht weiterhelfen, aber zwei Jungs, die gerade ihr Abendessen verdrückt hatten, sprangen sofort auf und kamen mit mir raus, um sich das Problem anzusehen. Es stellte sich heraus, dass die beiden – Charly und Wade – sich sogar sehr gut mit Technik auskannten, jedoch eher mit großen Landmaschinen. Trotzdem holte Charly sein Werkzeug aus dem Truck und versuchte mit allen Mitteln, die Kette zu flicken. Am Ende gingen wir zu dem Plan über, die Kette nicht zu kürzen, um sie wenigstens auf die Ritzel zu kriegen. Doch wieder wollte nichts funktionieren.

Zweiter Versuch in Charlys Werkstatt: Leider auch keine Lösung
Zweiter Versuch in Charlys Werkstatt: Leider auch keine Lösung

Zelten am Baseball-Feld

Charly meinte, in seiner Werkstatt könne er mehr machen – also Rad hinten auf den Pick-Up, Taschen rein und einmal durchs Dorf. In der Werkstatt versuchten die beiden dann noch einmal alles, sogar einen eigenen Stift für die Kette herzustellen. Unzählige Versuche und einen verbrannten Finger mussten wir – oder besser die Jungs – aufgeben. Dafür brachte mich Charly sogar noch zurück zu dem Baseball-Feld, wo ich jetzt unter einem der Pavillons mein Zelt aufgeschlagen habe. Jetzt sitze ich hier also, gestrandet in der Kleinstadt Clayton, mit einem nicht mehr fahrbereiten Rad.

Irgendwie nach Quincy

Der Plan: Morgen erst einmal irgendwie nach Quincy kommen. Charly wies mich auf einen netten Mann hin, der mich eventuell fahren könnte – da werde ich morgen mal nachfragen. Ansonsten notfalls trampen. Da morgen Sonntag ist, hat das Radgeschäft in Quincy leider nicht offen. Mittlerweile wurde ich aber in der Gruppe des Rad-Clubs aufgenommen und ich habe da mal mein Problem geäußert – vielleicht kann mir da ja einer helfen. Falls nicht, buche ich mir noch fix ein Zimmer auf airbnb und muss dann probieren, Montag morgen direkt zum Radladen zu kommen. Irgendwie wird es schon klappen und irgendwie werde ich es aus Illinois schaffen.

Die Etappe auf Strava

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