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USA 2016

Single-Speed nach Quincy

Da ich es recht früh nach Quincy geschafft hatte, nutzte ich den Nachmittag für einen Stadtrundgang
Da ich es recht früh nach Quincy geschafft hatte, nutzte ich den Nachmittag für einen Stadtrundgang

Das Wichtigste vorweg: Ich habe es nach Quincy geschafft. Und ich musste nicht einmal trampen.

Im Zelt mit Dach über dem Kopf

Die Nacht in dem Fest-Pavillon neben dem Baseball-Platz war bequemer als erwartet. Durch das Dach und die eine Wand war ich gut geschützt vor Wind und Regen, was sich ausgezahlt machte: Über Nacht musste es noch einmal etwas heftiger geregnet haben. Trotzdem blieb es angenehm warm und ich konnte die Nacht im Zelt das erste Mal ganz ohne Frieren genießen. Obwohl mich die Vögel, die ebenfalls Unterschlupf in dem Pavillon fanden, recht früh weckten, döste ich noch bis halb acht vor mich hin. So früh würde der Mann, von dem mir Charly erzählt hatte, noch nicht wach sein. Nach dem Aufstehen nahm ich mir also erst einmal ganz in Ruhe Zeit fürs Zusammenpacken und Frühstücken.

Mein Schlafplatz für letzte Nacht
Mein Schlafplatz letzte Nacht

Der erste Versuch, zu trampen

Nachdem alles wieder abfahrbereit war, schob ich mein Rad zurück zur Straße. Sollte ich jetzt schon einmal auf dem Weg zum anderen Ende des Dorfes versuchen, zu trampen? Nee, erstmal gucken. Ich ging zu dem besagten Haus, das sich als frisch gekauft und noch als Baustelle herausstellte. Es sah so aus, als würde hier noch niemand wohnen – jetzt wusste ich auch, was Charly damit meinte, dass ein Truck vor dem Haus stehen sollte. Es stand aber kein Auto vor dem Haus und auch nach dem Klingeln machte keiner auf. Also doch trampen. Ich ging zur Straße und versuchte mein Glück. Sobald ich sah, dass ein Auto etwas größer war oder am besten ein Pick-Up, streckte ich die Hand raus – ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Überwindung kostet. Zu meiner Enttäuschung gaben die meisten Autofahrer noch eher Gas und machten einen weiten Bogen um mich. Sah ich so abschreckend aus? Auch eine gerade aus ihrer Einfahrt kommende Frau im Pick-Up konnte ich nicht zum Anhalten bewegen, sie winkte mir nur zurück.

Trampen verboten

Irgendwann hielt dann ein großer, silberner Van an. Doch der Fahrer zeigte immer nur auf irgendwas neben mir. Als er merkte, dass ich nicht verstand, was er meinte, stieg er aus seinem Bulli aus – es war ein Cop und der Wagen anscheinend ein Gefängnis-Transporter. Der Cop erklärte mir, dass hier direkt ein Gefängnis wäre und man zwei Meilen davor und dahinter nicht trampen darf – und deshalb wohl auch keiner anhalten würde. Ich solle 911 anrufen, wenn ich abgeholt werden möchte. Das wollte ich aber erst einmal nicht tun, stattdessen machte ich mich auf, zu Fuß in Richtung nächster Stadt zu gehen. Die Hoffnung, dass der besagte Mann noch kommen würde, gab ich dann auch auf.

Und es rollt doch: Weiter auf der 24
Und es rollt doch: Weiter auf der 24, wenn auch nur mit einem Gang

Es fährt ja doch

Vielleicht lag es daran, dass ich in diesem Moment einfach nur niedergeschlagen und emotional an meinem Tiefpunkt war – vor allem, nachdem ich wenige Stunden zuvor noch so euphorisch und zuversichtlich war. Aber erst jetzt – ich schob mein Rad schon für etwa 10 bis 15 Minuten – kam ich auf die Idee, die temporäre Lösung von Charly mal auszuprobieren. Ich setzte mich aufs Rad – und tatsächlich: Ich konnte ganz normal treten. Also fast – zu schalten traute ich mich nicht, also ging es jetzt Single-Speed weiter, leider mit einer recht hohen Übersetzung auf dem großen Kettenblatt. Aber es ging voran. Die ersten Sekunden und Minuten traute ich dem ganzen zwar noch nicht und war einfach erst einmal nur froh, ein paar Meter Fußweg zu sparen, doch dann spielte sich das Fahren ein. Ich traute mich trotzdem nicht, komplett den Druck von der Kette zu nehmen, und so kam ich ziemlich fix voran. Nur die Hügel waren jetzt eine besondere Herausforderung, einmal hab ich tatsächlich kurz geschoben.

Endlich in Quincy

Jetzt hatte ich es also geschafft. Ganz ohne Trampen bin ich nach Quincy gekommen. Jetzt, wo einige Steine von meinem Herzen fielen, machte sich auch der Magen bemerkbar. Ich fuhr also erst einmal den Broadway der Stadt herunter, an dem sich mal wieder die komplette Vielfalt aller Fast-Food-Restaurants präsentierte. Doch ich wollte etwas richtiges, und so ließ ich mich in einem Pizza-Restaurant nieder. Und eine große Pizza Hawaii später war ich auch endlich wieder komplett glücklich. Bisher hatte sich noch keiner in der Facebook-Gruppe des lokalen Radclubs gemeldet, deshalb stellte ich mich schon einmal darauf ein, heute nicht weiterzukommen. Irgendwie wollte ich das auch gar nicht mehr, obwohl der Wind und das Wetter heute optimal mitgespielt hätten. Also schnell noch ein günstiges Airbnb-Zimmer gebucht und schnell eingecheckt.

In der Maine Street reihte sich eine Villa an die andere
In der Maine Street reihte sich eine Villa an die andere

Stadtrundgang

Die Dusche hatte ich mir dringend verdient. Schnell noch Wäsche gemacht und dann ging es los, die Stadt erkunden. Charly und Wade hatten mir in Clayton schon gesagt, dass Quincy sehr schön sei und es viele schöne Häuser gebe – und da der Tag noch jung war, wollte ich mir davon auch ein Bild machen. Und tatsächlich: Als ich die Maine herunterlief, reihte sich eine Altbau-Villa neben die nächste – und das in einer schön grünen Allee. Irgendwann wurde aus der Wohnsiedlung das Stadtzentrum von Quincy, in dem sich einige Läden befanden, viele aber bereits leer. Dafür konnte man sich ein Stück einer Antenne vom World Trade Zentrum ansehen, das in Quincy gebaut wurde und aus den Überresten geborgen werden konnte.

Ein Teil der Überreste des Antennenturms auf dem World Trade Center 1
Ein Teil der Überreste des Antennenturms auf dem World Trade Center 1

Mississippi River

Natürlich wollte ich mir auch den Mississippi River nicht entgehen lassen. Gerade, als ich ans Ufer kam, fuhr ein riesiger Schubverband in einem guten Tempo vorbei. Ich zählte 15 Schubeinheiten vor dem Schubschiff, davon jeweils drei nebeneinander. Auf die Oder hätte so etwas nicht gepasst. Anschließend ging es den gleichen Weg auf der anderen Straßenseite wieder zurück in Richtung „Mall“, was eigentlich wieder nur die typische Ansammlung von Fast-Food-Ketten, Banken und Einkaufsläden war – nicht etwa in einem Gebäude, was ich nach dem Begriff „Mall“ erwartet hätte, sondern wie an den Highways jeder in seinem eigenen Gebäude. Hier ging ich noch fix zu Aldi, bevor ich auf dem Rückweg versuchte, nicht ganz so nass zu werden – aus den kleinen Nieselschauern wurde jetzt etwas heftigerer Regen.

Ganz schön lang und breit: Schubverband auf dem Mississippi River
Ganz schön lang und breit: Schubverband auf dem Mississippi River

Rüber nach Missouri

Morgen werde ich dann erst einmal zum Fahrradladen gehen, wo ich hoffentlich schnell verarztet werden kann. Und dann möchte ich keine weitere Zeit verlieren und Illinois endlich hinter mir lassen. Es stehen noch knapp zweieinhalb Tage an, um Missouri komplett zu durchqueren und Kansas City zu erreichen. Leider soll die nächste Woche wettertechnisch nicht ganz so prickelnd werden – Gewitterschauer und auch nicht ganz so günstiger Wind. Mal sehen, wann ich morgen loskomme und wie weit ich es schaffe.

Die Etappe auf Strava

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