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USA 2016

Tag der Gegensätze

Missouri bietet neben schönen Landschaften vor allem wieder eins: Hügel
Missouri bietet neben schönen Landschaften vor allem wieder eins: Hügel

Sonne und Regen, Auf- und Abstieg, Gegen- und Rückenwind: Heute war wirklich alles einmal dabei. Nach dem erfolgreichen Werkstattbesuch ging es heute endlich nach Missouri.

Unerwartetes Frühstück

Heute morgen weckte mich wieder mal der Wecker, damit ich pünktlich los konnte und zur Eröffnung um neun Uhr bei dem Fahrradladen sein könnte. Als ich schon mit meinen ganzen Sachen in der Tür stand, lud mich mein Airbnb-Host Rebecca noch zu einem Frühstück ein. Das lasse ich mir natürlich nicht zwei Mal sagen. Während ich mein Müsli mit frischer Milch vom Bauern genoss, erzählte mir Rebecca von einer Radtour, die sie durch Deutschland gemacht hat. Da sie nicht mehr auf die Fluss- oder Städtenamen kam, rief sie fix bei ihrem damaligen Mitfahrer und guten Freund Paul an – der dann sogar noch herüberkam, um mich kennenzulernen. Er reist in ein paar Wochen wieder nach Frankfurt und konnte sogar ein bisschen Deutsch. Auch Rebeccas Schwester lernte ich noch kennen. Ein so netter Morgen, dass ich die Zeit ganz vergaß.

Im Trek-Tempel

Etwas später als erwartet holte ich dann also mein Rad aus der Garage. Die Kette war noch dran, und ich probierte, ob ich nicht noch zum Fahrradladen radeln könnte. Aber: Direkt bei der ersten Belastung hing die Kette wieder auf dem Boden. Also schob ich das Rad durch Quincy – zwischendurch setzte ich mich sogar drauf, um mich die Abstiege herunterrollen zu lassen. Als ich endlich bei Madison and Davis – so hieß der Fahrradladen – angekommen war, staunte ich nicht schlecht: Das moderne Ladengeschäft war quasi ein Trek-Tempel. Überall Trek-Flitzer, handsignierte Poster von bekannten Trek-Gesichtern wie Jens Voigt oder den Schleck-Brüdern und natürlich nur Zubehör von Bontrager, der Eigenmarke des Radherstellers. Während mein 720, das sich hier mehr als zu Hause gefühlt haben muss, eine neue Kette erhielt, bewunderte ich also ein wenig die ganzen Sachen im Laden.

Endlich raus aus Illinois: Hinter dem Mississippi River wartete Missouri darauf, von mir durchquert zu werden
Endlich raus aus Illinois: Hinter dem Mississippi River wartete Missouri darauf, von mir durchquert zu werden

Neue Kette, neues Glück

Übrigens hatte ich Glück: Die alte Kette scheint nur eine Macke gehabt zu haben und war nicht bereits so gedehnt, dass sie auch meine Ritzel in Mitleidenschaft gezogen hatte. Das wäre sonst teuer geworden. So war es mit der neuen Kette getan. Nachdem ich mit Ryan, dem Inhaber des Radladens, der mich noch auf Facebook angeschrieben hatte, noch etwas geplaudert hatte, konnte ich also wieder voll durchstarten. Der Himmel war zwar gut bewölkt, doch ab und dann guckte die Sonne sogar mal durch. Mehr brauchte ich nicht. Also rüber über den Mississippi River und auf nach Missouri.

Und täglich grüßt der mich jagende Hund 

Der Wind wehte auch ganz gut: Aus Südosten kommend schob er mich in Richtung Westen sogar etwas an, gleichzeitig war er aber auch nicht so stark, dass ich auf den nach Süden gehenden Abschnitten wieder zu viel Gegenwind gehabt habe. So konnte ich die ersten Kilometer wieder mal sehr schnell hinter mich bringen. Von der 24 bog ich dann recht fix auf eine Backroad ab, so dass ich nicht den Bogen zur 168 fahren musste. Und was war anderes zu erwarten: Keine 50 Meter auf der Backroad, da wurde ich direkt wieder von einem mich jagenden Hund begrüßt. Das Pfefferspray war binnen Sekunden einsatzbereit – war das also auch schon mal geprobt – aber einsetzen musste ich es glücklicherweise nicht. Jetzt hatte ich dank des Sprints ein gutes Tempo drauf, das ich erst einmal hielt. An den nächsten Farmen hatte ich glücklicherweise meine Ruhe.

Backroads traue ich jetzt nicht mehr: Hier wurde nur bis zur nächsten Kirche geteert, es folgte grober Schotter
Backroads traue ich jetzt nicht mehr: Hier wurde nur bis zur nächsten Kirche geteert, es folgte grober Schotter

Plötzlich Schotter

Doch meine schnelle Phase fand ein abruptes Ende hinter einer Kirche: Hier wechselte die Straße von Asphalt auf Schotter. Da hatte ich meine Hausaufgaben nicht richtig gemacht und nicht die komplette Straße per Streetview oder wenigstens Sattelitenbild gecheckt. Egal – dem Hund wollte ich nicht noch einmal begegnen, also hier durch. Leider blieben auch nach zwei Abbiegungen die Backroads weiterhin grober Schotter und ich versuchte, mir immer die plattgefahrenste Stelle zu suchen. Trotzdem musste ich ganz gut gegen den groben Belag ankämpfen, gleichzeitig sorgte ich mich um meine neue Kette und mögliche weitere Hunde, die jetzt leichtes Spiel mit mir gehabt hätten. Das Pfefferspray blieb also bei jeder Farm einsatzbereit in der Hand. Nach acht Kilometern kam dann endlich wieder die erlösende Asphaltstraße, die mich zur 168 führte.

Schon viel besser: Auf den Schotter folgte eine super glatt asphaltierte Straße
Schon viel besser: Auf den Schotter folgte eine super glatt asphaltierte Straße

Auf und ab

Der Route 168 folgte ich jetzt für viele Kilometer. Wie Ryan im Radladen mir schon prophezeite, würde Missouri noch einmal recht hügelig werden, ehe ich in Kansas dann wohl „bereits einige Tage vorher mein Ziel sehen kann“. Und er behielt Recht: Ab jetzt ging es den ganzen Tag auf und ab. Doch das machte nichts, dank des leichten Anschubs von hinten und der schönen Landschaften verstrichen die Kilometer trotzdem nur so. Außerdem war die Route kaum befahren und ich konnte herrlich abschalten.

Mittagspause in Shelbyville

Gegen Mittag wurden die Wolken dann etwas dunkler und ich kriegte zwischendurch ein paar Tropfen ab. Doch das war so wenig, dass ich kurz dachte, dass es auch Fliegen hätten sein können. Obwohl ich wegen der Ketten-Reperatur recht spät gestartet war, zeigte das Garmin dann gegen 13 Uhr bereits 70 Kilometer an. Passenderweise erreichte ich hier eins der ersten etwas größeren Dörfer auf der heutigen Etappe, Shelbyville. Hier schien mal etwas mehr los gewesen zu sein, darauf wiesen die ganzen leerstehenden Geschäfte bei der Ortsdurchfahrt hin. Ich musste mich also mit dem einzig gebliebenen Geschäft, der Caseys-Tankstelle, zufriedengeben. Nachdem ich hier eine Portion Cheese-Bacon Potato-Wedges und meine Pepsi bestellt hatte, fragte ich die Kassiererin auch noch kurz nach dem Wetter, da ich kein Handynetz hatte. Sie zeigte mir das Regenradar, das nicht sonderlich positiv aussah: Die Gewitterfront würde uns in Kürze erreichen.

Gibt's meistens an jeder noch so unbedeutenden Kreuzung: Casey's
Gibt’s meistens an jeder noch so unbedeutenden Kreuzung: Casey’s

Langsam regnet’s nicht mehr, es regnet jetzt schneller

Während ich an meinem Mittagessen arbeitete, tropfte es bereits auch etwas mehr. Aber es half nichts, ich wollte noch ein paar Kilometer machen. Als ich gerade den Ort verlassen hatte, kam plötzlich ein ziemlich starker Regenschauer vom Himmel. Ich suchte schnell Unterschlupf unter einem Baum, um mein Regencape herauszuholen. Da winkte mich auch schon ein älterer Mann zu sich in die Werkstatt – Terry, wie er sich vorstellte. Während ich hier bei ihm warten durfte, bis es wieder besser wurde, erzählte ich ihm etwas von meiner Tour und er gab mir noch ein paar Tipps für die kommenden Kilometer. Der Schauer schien vorüber, ich radelte also weiter. Doch keine Viertelstunde später wurde aus den paar Tropfen doch wieder etwas stärkerer Regen. Jetzt zog ich doch das Regencape an, dachte aber, dass ich die Überschuhe nicht brauchen würde. Ein Fehler: Der Regen wurde immer extremer und schneller als mir lieb war waren auch meine Socken nass.

Reinhold Messner

Jetzt fing es auch an, links und rechts neben mir zu Donnern. Der Wind drehte etwas mehr Richtung Süden, so dass meine linke Körperhälfte zuerst nass wurde und der Regencape immer ordentlich nach rechts flatterte. Dafür konnte ich auf den etwas nach Nordwesten zeigenden Abschnitten wieder gut Tempo machen, da ich mit dem Cape wieder gut segeln konnte. Zwischendurch schien dann mal wieder die Sonne, obwohl es weiter regnete. Dann hörte es ab und an mal wieder auf, doch ich traute dem ganzen nie und behielt den Regencape an – zum Glück: Meist folgte dann ein noch heftigerer Schauer. Da das Garmin etwas nass war, bildeten sich zwischen dem Bildschirm und dem direkt darauf aufliegenden Regencape immer lustige, aber meist unerkenntliche Motive. Doch dann erschien mir plötzlich Reinhold Messner – hatte das eine spirituelle Bedeutung? (Könnte auch Jesus gewesen sein…)

Nach dem ersten heftigen Schauer stauten sich auf den Straßen einige Pfützen, weshalb ich auch schnell von unten nass wurde
Nach dem ersten heftigen Schauer stauten sich auf den Straßen einige Pfützen, weshalb ich auch schnell von unten nass wurde

Nass und nasser

Als ich dann erst einmal selber vollständig nass war, radelte es sich eigentlich ganz gut. Das einzige Problem waren die Trucks und Autos, die beim Entgegenkommen immer eine ganze Gischt Wasser in mein Gesicht spritzten. Aber selbst ein Abschnitt, auf dem ich immer gen Süden fahren mussten, war erträglich: Der Wind setzte zum Glück mal etwas aus, so konnte ich ohne Probleme auch mit dem Cape in den Gegenwind fahren. Und schneller als gedacht erreichte ich dann die Route 36. Leider war die wieder vierspurig und es war auch wieder deutlich mehr los – doch die Trucks überholten meist wieder sehr nett auf der linken Spur.

Warmduscher

Dann erreichte ich irgendwann Macon, wo ich mir erst einmal ein Bild von meiner Lage machen und eine kurze Pause einlegen wollte. Trotz der Nässe rollte es sich ja ganz gut und ich überlegte, noch weiterzufahren. Nur wohin? Der Wetterbericht prognostizierte, dass die Schauer gleich in Dauerregen übergehen würden. Campen würde also höchstens unter einem Dach gehen. Ich suchte in Google Maps nach Unterkünften, doch hier mitten in Missouri gibt es weder etwas auf Warmshowers noch auf Airbnb. Dafür hätte ich in etwa 40 Kilometern ein Motel finden können. Direkt neben mir gab es aber gleichzeitig sogar zwei Motels. Ich überlegte etwas hin und her, chattete kurz mit der Familie, und da der Regen gerade auch wieder stärker wurde, entschied ich mich, hier zu bleiben – nennt mich einen Warmduscher, aber die Sehnsucht nach einer warmen Dusche und das im Preis inbegriffene Frühstück überzeugten mich. Letztendlich wollte ich vor allem, dass meine Schuhe über Nacht wieder trocknen können.

Fernseher mit HBO

Morgen soll das Wetter endlich wieder etwas besser werden und es soll trocken bleiben. Dann will ich da versuchen, die Kilometer wieder etwas aufzuholen. Aber davor geht’s jetzt gleich noch kurz irgendwo in eins der benachbarten Fast-Food-Restaurants Abendessen. Außerdem hat mein Zimmer einen Fernseher mit HBO, das möchte ich dann gerne noch voll ausnutzen – nachher wird die aktuelle Episode „Game of Thrones“ von gestern wiederholt.

Die Etappe auf Strava

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