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USA 2016

Im Schleichtempo nach Colorado

Die Route 36 war heute fast wie ausgestorben. Autos und Trucks überholten mich nur alle halbe Stunde und die paar Dörfer an der Strecke machten einen traurigen Eindruck. Kühe habe ich heute definitiv mehr gesehen als Menschen
Die Route 36 war heute fast wie ausgestorben. Autos und Trucks überholten mich nur alle halbe Stunde und die paar Dörfer an der Strecke machten einen traurigen Eindruck. Kühe habe ich heute definitiv mehr gesehen als Menschen

Gut und schlecht liegen manchmal näher zusammen, als man denkt: Und so wurde aus dem schönen Ostwind heute ein harter Südwind. Zusätzlich fehlte in den Beinen die Kraft – es ging heute also nur langsam voran.

Kalter Morgen

Aus Freunden können schnell wieder Feinde werden. So fühlte es sich zumindest an, als aus dem schönen Ostwind plötzlich ein unvorteilhafter und starker Südwind wurde. Dabei fiel mir beim Blick auf den Wetterbericht heute Morgen im Bett erst einmal etwas ganz anderes auf: Die Außentemperatur lag bei gerade einmal 2°C. Mir war auch im Motel-Zimmer bereits kalt, weshalb ich mal wieder die laute Klimaanlage anschmiss. Dafür trocknete die Wäsche im warmen Luftstrom gut. Trotzdem fror ich beim Gedanken daran, bei den Temperaturen raus zu müssen. Ich blieb also erst einmal etwas unter der warmen Decke liegen, wohl wissend, dass ich gleich beim Überfahren der Grenze nach Colorado eine Stunde geschenkt bekomme.

Mal wieder Slowbiker

Irgendwann machte ich mich dann doch endlich abfahrbereit. Ein Frühstück gab es in diesem Motel leider nicht, weshalb ich auf meine Vorräte zurückgriff. Mit Apfel, Bananen, Müsliriegel und Apfeltasche fiel es aber leider etwas mickriger aus, als gedacht. Meine Idee: In knapp 45 Kilometern würde es im ersten Ort in Colorado ein Motel mit Restaurant geben. Wenn ich gut bin, haben die noch Frühstück. Also auf in den Sattel und los. Doch bereits nach dem Anstieg raus aus Saint Francis merkte ich dann, dass der Wind mir heute keinen Gefallen tun würde. Zwar bließ er direkt von der linken Seite, doch bremste auch das bereits ordentlich aus. Für kurze Abschnitte hatte ich zwar den Eindruck, etwas Rückenwind zu haben – doch den Großteil der Strecke tendierte das Gefühl eher zu Gegenwind.

Geschafft: Trotz gebrochener Speiche einmal durch Kansas
Geschafft: Trotz gebrochener Speiche einmal durch Kansas

Purer Gegenwind

Und so streckten sich die ersten Kilometer bereits wieder ganz schön hin. Zu dem starken Wind kamen die schweren Beine. Einerseits war ich zwar froh, den Rückenwind gestern voll ausgenutzt zu haben – andererseits rächte es sich spätestens jetzt. Beim Überqueren der Grenze zwischen Kansas und Colorado nach knapp 20 Kilometern war ich bereits gut bedient. Hier merkte ich auch, wie stark der Wind dann tatsächlich war, denn die Strecke bog für ein kurzes Stück leicht Richtung Süden ab. Noch schlimmer wurde es dann ab Kilometer 40: Hier musste ich fünf Kilometer direkt gen Süden fahren. Fünf Kilometer – das ist normalerweise lächerlich, aber ich musste tatsächlich zwei Pausen zwischendurch machen.

Auf den ersten Kilometern ging es noch ein paar Mal auf und ab - dann verschwanden die Hügel komplett
Auf den ersten Kilometern ging es noch ein paar Mal auf und ab – dann verschwanden die Hügel komplett

Riesige Zimtschnecke

Umso erleichterter war ich, als ich endlich wieder nach Westen abbiegen konnte und Idiala vor mir auftauchte. Jetzt merkte ich, wie froh ich eigentlich sein sollte, „nur“ Seitenwind zu haben. Ausgelaugt hielt ich nach dem auf Google gefundenen Motel und Restaurant Ausschau. Eine Tankstelle, die auch warmes Essen versprach, ließ ich erst einmal rechts liegen. Direkt dahinter dann das Motel – das sah aber eher geschlossen aus. Egal, wenigstens kurz gucken. Es stand zwar nicht „Restaurant“ am Schild, sondern nur „Café“, aber das reichte mir aus. Und tatsächlich: Durch das kleine Fenster in der Tür sah ich jemanden am Tresen sitzen. Ich ging rein und wurde erst einmal enttäuscht: Der Laden hatte seit zehn Uhr geschlossen, es war aber bereits halb elf. Doch die netten Damen machten eine Ausnahme und gaben mir trotzdem einen Eistee und die bisher größte und leckerste Zimtschnecke, die ich bisher gesehen habe.

Frisch aus dem Backofen: Die bisher größte und leckerste Zimtschnecke
Frisch aus dem Backofen: Die bisher größte und leckerste Zimtschnecke, die ich sogar mit Messer und Gabel essen musste

Mit Musik gegen den Wind

Das Bisschen an zusätzlicher Stärkung, die ich durch die Zimtschnecke zu mir genommen hatte, wurde wenige Kilometer direkt wieder verbraucht: Es ging diagonal nach Südwesten, dieses Mal über sieben Kilometer. Und dann folgte ein einfach nicht enden wollender Part immer geradeaus gen Westen. Colorado war hier jetzt komplett flach und auch nicht sonderlich aufregend. Die einzigen sehenswerten Dinge waren eine High School und eine Kirche mitten im Nichts. Zum Glück hatte ich mir in dem Café meine Kopfhörer vorbereitet, so dass ich von nun an mit Musik auf einem Ohr weiterfuhr. So ließ sich der Wind wenigstens etwas ausblenden, auch wenn die Fernbedienung an den Kopfhörern anfangs verrückt spielte und ihre eigene DJ-Karriere starten wollte. Aber lieber darüber aufregen, als über den Wind.

Nicht immer ist auf Google Maps Verlass

Irgendwann tauchte dann endlich die Rechtskurve auf der Karte auf: Hier lag Cope, wo ich ursptünglich mal geplant hatte, zu campen, da es hier laut Google Maps einen Supermarkt gibt. Doch während ich auf der nach Norden führenden Ortsdurchfahrt das kurze Vergnügen an Rückenwind genoss, sah ich nur verlassene Geschäfte. Das, was der Supermarkt mal gewesen sein könnte, schien schon ein paar Jahrzehnte nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Der Park wäre aber tatsächlich ganz nett gewesen. Doch jetzt war ich froh, hier nicht bleiben zu müssen – und trotzdem etwas enttäuscht, denn ich hatte mier erhofft, mich hier am Supermarkt stärken zu können.

Mein Ausblick auf dem Großteil der heutigen Etappe
Mein Ausblick auf dem Großteil der heutigen Etappe – es gab nicht einmal Bäume, an denen man sein Rad während einer Pause hätte anlehnen können

Schluss nach 130 Kilometern

Es folgten wieder ein paar anstrengende und sehr langsame Kilometer gen Westen, ehe ich insgesamt drei Mal für ein paar Kilometer lange Abschnitte diagonal nach Nordwesten fahren durfte – und endlich mal etwas Gas geben konnte. Wahrscheinlich nur durch diese Abschnitte ist mein durchschnittliches Tempo am Ende bei immerhin 21 km/h gelandet. Gefühlt lag es vorher wohl eher bei 18 km/h. Völlig erschöpft und mit komplett leeren Beinen erreichte ich dann Anton, wo es endlich einen geöffneten Supermarkt gab. Laut Google Maps gab es hier auch das letzte Motel auf Route 36 – also für weitere 80 Kilometer. Und die würde ich heute definitiv nicht mehr schaffen. Also kurz angerufen – ja, sind noch genügend Zimmer frei.

Ein ziemlich ehrliches Schild
Ein ziemlich ehrliches Schild

Wieder ein unerwarteter Abend am Familientisch

Nachdem ich mich mit Keksen, Cola und Instant Mac and Cheese eingedeckt hatte (ich ging ja erst einmal davon aus, dass ich mich selber versorgen muss), ging es zu dem Motel, das gleichzeitig und wohl auch vorrangig auch ein Campingplatz ist. Da nur ein Camper herumstand, habe ich das Motel erst fast übersehen, doch die Nummern an den Zimmern waren dann doch das entscheidende Zeichen. Sofort wurde ich herzlich von Stephanie empfangen, die den Platz und das Motel mit ihrem Mann betreibt. Sie lud mich auch sofort zum Abendessen ein. Als ich also später zum Abendessen in die Wohnung ging, lernte ich neben den Kindern der beiden auch noch drei weitere Gäste kennen – es war alles sehr familiär und ich erzählte nicht nur meiner Reise, sondern bekam auch noch viele andere Geschichten zu hören. So erlebte ich mal wieder einen Abend, den ich so vorher nicht erwartet hätte. Am Ende lud mich Stephanie sogar komplett ein – ich muss also nichts für mein Zimmer bezahlen. Mal wieder bin ich überwältigt von der Gastfreundschaft der Amerikaner.

Denver in Reichweite

Bis Denver sind es morgen noch knapp 150 Kilometer. Das sollte machbar sein, auch wenn der Wind weiterhin stark von Süden wehen soll. Dafür bin ich jetzt ja gut gestärkt – und ein Zimmer in Denver habe ich mir auch schon gebucht – direkt für zwei Nächte, damit ich das Rad in einen Fahrradladen bringen kann und mir Denver in Ruhe ansehen kann. Und vor allem, um meine Beine mal wieder voll aufzuladen. Übrigens bin ich erstaunt, dass bisher keine weitere Speiche gebrochen ist – ich hoffe, es bleibt morgen so.

Die Etappe auf Strava

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