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USA 2016

Speichenbruch in guter Gesellschaft

Keine zehn Kilometer nach dem Start brach heute das zweite Mal eine Speiche. Doch dafür hatte ich für fast 100 Kilometer gute Begleitung – und nutzte den Rückenwind für eine weitere 200er-Etappe aus.

Speichenbruch? Come on…

Der Start in den Tag lief eigentlich zu gut. Kein Wunder, dass da etwas faul war. Erst gab es erneut ein sättigendes Frühstück inklusive Waffel, dann schwang ich mich aufs Rad und erfreute mich daran, dass sich das Rad nach dem Ruhetag wieder jungfräulich anfühlte. Der Rückenwind schob mich dazu bereits wieder gut an, die Sonne blinzelte zwischen den Wolken durch und ich überlegte mir, dass das heute wohl ein guter Tag werden würde. Doch keine zehn Kilometer hinter Phillipsburg wurde ich dann aus meinen Gedanken gerissen: Das gefürchtete „Ping“-Geräusch erklang wieder vom Hinterrad. Speichenbruch Nummer zwei. Doch statt wie beim letzten Mal oder beim Kettenriss blieb ich – und das hat mich selbst überrascht – recht entspannt.

Neuer Rekord: In 429 Kilometern rechts halten. Dagegen sind die 141 Kilometer von Sonntag ein Klacks
Neuer Rekord: In 429 Kilometern rechts halten. Dagegen sind die 141 Kilometer von Sonntag ein Klacks

Walmart als Fahrradladen?

Ändern kann ich jetzt eh nichts an der Situation, dachte ich mir – ich will jetzt einfach versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Denn als ich bei Google Maps nach „Bike Shop“ gesucht habe, müssen die Google-Server nur laut gelacht haben. Drei Ergebnisse lieferte mir die Suche, eins davon war ein Walmart und ein anderes eine Autowerkstatt. Und alles weit ab von meiner Strecke. Nächster Fahrradladen: In Denver – also in 490 Kilometern. Mein Plan: Weiterfahren, notfalls einen weiteren Speichenbruch hinnehmen und bei der dritten gebrochenen Speiche dann versuchen, einen anderen Weg nach Denver zu finden. Ich schwang mich also wieder aufs Rad.

Neben Stuttgart hätte ich heute auch nach Dresden fahren können
Neben Stuttgart hätte ich heute auch nach Dresden fahren können

Ein weiterer Verrückter

Nur wenige Minuten später die nächste Überraschung: Nur ein paar hundert Meter vor mir bewegte sich ein Fahrrad. Ich wollte meinen Augen erst nicht trauen, doch als ich näher kam, sah ich sogar die Taschen am Rad. Ein weiterer Verrückter! Schnell holte ich den Weggefährten ein. Er stellte sich als Lionel aus Frankreich vor, der mit seinen 43 Jahren jetzt das erste Mal in die USA gereist ist und das Land kennenlernen wollte. Dabei entschied er sich genau wie ich für die Ost-West-Route, fährt aber etwas direkter und nicht mit so vielen Schlenkern wie ich. Dafür ist er noch einmal um einiges disziplinierter und ist gestern sogar den ganzen Tag durch den Regen gefahren. Wir kamen gut ins Gespräch und berichteten einander über unsere Erfahrungen.

Ungewohnte Perspektive: So sieht es also aus, wenn ich auf dem Rad sitze
Ungewohnte Perspektive: So sieht es also aus, wenn ich auf dem Rad sitze

Polizeikontrolle

Gestört wurden wir bei unserem Austausch dann plötzlich von einem laut hupenden Truck, der wohl einfach einen Grund zum Abreagieren brauchte. Obwohl kein Gegenverkehr kam, regte er sich unheimlich darüber auf, dass wir nebeneinander fuhren. Erst wurden wir mit einer netten Handgeste bei seinem Überholmanöver begrüßt, dann hielt er tatsächlich vor uns an und stieg aus seinem Führerhaus aus, um uns anzuschimpfen. Wir winkten nur lächelnd zurück. Kurze Zeit später tauchte in der Ferne ein bunt blinkendes Polizeiauto auf. Wir dachten erst, dass wir jetzt das erste Mal von einem Cop angehalten werden und wurden schon ganz nervös. Erst beim Vorbeifahren sahen wir, dass vor dem Polizisten noch ein anderes Auto stand – lustigerweise die beiden Jungs, die letzte Nacht im Motel neben mir gewohnt haben.

Und nochmal ich - mitten im Nichts
Und nochmal ich – mitten im Nichts

Planänderung mit gutem Gefühl

Die Kilometer verflogen nur so und ziemlich schnell landeten wir dann in Oberlin. Das war das heutige Etappenziel für Lionel – 100 Kilometer reichten ihm, außerdem wollte er den Nachmittag nutzen, um sein Zelt in der Sonne richtig trocknen zu lassen. Wir verabschiedeten uns und verbanden uns noch schnell auf Facebook, um dem anderen über die weitere Reise berichten zu können. Nach einer kurzen Mittagspause bei Subway fuhr ich dann auch weiter. Mittlerweile war es bereits halb drei und mein heutiges Etappenziel Atwood lag noch etwa 44 Kilometer entfernt. Ich würde also in weniger als zwei Stunden da sein. In mir wuchs die Idee, weiterzufahren – es rollte sich bisher einfach zu gut. Außerdem hatte ich ein gutes Gefühl trotz oder gerade wegen der gebrochenen Speiche – irgendwie redete ich mir ein, dass die anderen Speichen sich jetzt an die neue Lastenverteilung gewöhnt hätten und warm wären.

So zeigte sich Kansas heute die meiste Zeit: Rechts und links endlose Wiesen
So zeigte sich Kansas heute die meiste Zeit: Rechts und links endlose Wiesen

Den Rückenwind weiter ausnutzen

Kurz Google Maps gecheckt: Das nächste Motel wäre in Saint Francis, das wären von Oberlin noch etwas mehr als 100 Kilometer. Ansonsten kämen zwischen beiden Städten noch zwei kleinere Orte, vielleicht wäre es hier im Notfall möglich, zu zelten. Als ich dann tatsächlich kurze Zeit später in Atwood war, rollte ich am ursprünglich ausgesuchten Motel vorbei und entschied mich, die Weiterfahrt zu wagen. Bisher war die Etappe tatsächlich sehr gut zu fahren: Die Landschaft wechselte immer wieder zwischen frisch gepflügten Feldern, Kuhweiden und endlosen, wunderschönen Wiesenlandschaften. Zwischendurch ging es immer wieder mal ein paar Hügel hoch und runter, doch mit der Zeit wurde Kansas jetzt tatsächlich immer flacher. Und so wurde ich hinter McDonald dann tatsächlich noch einmal richtig schnell.

Wiesen bis zum Horizont und glückliche Kühe - so hatte ich mir Kansas eigentlich nicht vorgestellt
Wiesen bis zum Horizont und glückliche Kühe – so hatte ich mir Kansas eigentlich nicht vorgestellt

Das letzte Motel-Zimmer

Noch vor 19 Uhr erreichte ich dann schon Saint Francis – eher als gedacht. Und ich war etwas stolz: Schon wieder eine Etappe über 200 Kilometer, aber viel wichtiger: 200 Kilometer mit einer gebrochenen Speiche. Und das Rad hat weiterhin durchgehalten. Das musste belohnt werden – es ging also wieder ins Motel. Zum Zelten wurde es mir dann doch zu frisch. Also fix rein zum „Dusty Farm Motel“ und das letzte freie Zimmer gebucht. Trotz des Fakts, dass das hier quasi das letzte Motel bis irgendwo vor Denver ist, war es recht günstig. Dafür gibt’s leider kein Frühstück. Nach der Dusche und Wäsche nutzte ich die direkt im Motel liegende Bar, um meine eigene Batterie wieder aufzuladen. Spezialgericht des Tages: Hühnchen mit Bohnen und Kartoffelpüree. Mal eine willkommene und gesunde Alternative zu all dem Fast-Food-Fraß in den letzten Tagen.

Meine Unterkunft für die Nacht
Meine Unterkunft für die Nacht

Mit gemischten Gefühlen in Richtung Denver

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ich will morgen ganz entspannt starten und das Rad nicht übermäßig belasten. Der Wind wird morgen wohl leider eher von Süden wehen, also von der Seite und auf kurzen Abschnitten auch direkt von vorne. Es war also keine schlechte Idee, heute den Rückenwind so gut auszunutzen. Bis Denver sind es jetzt noch weniger als 300 Kilometer, also etwa zwei Tagesetappen. Ob das Rad weiterhin durchhält? Einerseits klappte heute bereits gut, und eine zweite gebrochene Speiche wäre für mich noch im machbaren Rahmen. Dafür kommt jetzt aber erst einmal eine lange Zeit nichts – wenn also etwas ist, bin ich auf nette Autofahrer angewiesen. Mein geheimer Plan: Morgen wieder eine ähnlich lange Etappe reißen – wenn Wind und Beine mitspielen – und damit bereits in die Vororte von Denver kommen. Von dort wäre es ein Klacks, in den nächsten Fahrradladen zu kommen. Es bleibt spannend.

Die Etappe auf Strava

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