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USA 2016

Route 66

Die komplette heutige Etappe folgte ich der klassischen Route 66
Die komplette heutige Etappe folgte ich der klassischen Route 66

Der kleine American Dream: Einmal auf der Route 66 fahren. Das wurde für mich heute Realität. Leider etwas unspektakulärer als erwartet.

Plötzlich im Mittelpunkt

Der ursprüngliche Plan, bereits um vier Uhr zu starten, wurde aufgrund des warmen Schlafsacks wieder verworfen. Die offizielle Begründung in meinem Kopf war aber: Es ist ja eh noch zu dunkel zum Fahren. Und die zusätzliche Stunde Schlaf tat ganz gut: Gestern Abend wurde ich unerwarteter weise nämlich noch etwas aufgehalten. Zuerst sprach mich ein nettes, jüngeres Ehepaar aus St.Louis, das gerade mit den beiden Söhnen auf Erlebnis-Reise durch Nationalparks war, auf meine Radreise an. Nur kurze Zeit später gesellte sich noch ein holländisches Rentner-Ehepaar dazu. Manchmal realisiere ich erst beim Erzählen über meine Tour, wie weit ich schon gekommen bin. Und dass ich noch über einen Monat Zeit für die restlichen Etappen habe.

Und noch mehr Deutsche

Mein Abendbrot musste ich mir entsprechend bereits in der Abenddämmerung machen. Und selbst Nudeln kochen wird in Dunkelheit zum Abenteuer. Als ich gerade ein Feuerzeug von meinen Zeltnachbarn leihen wollte, stellte sich heraus, dass die beiden etwas älteren Jungs auch aus Deutschland kommen. Normalerweise sind die beiden auch sehr viel auf dem Rad unterwegs, was für viel Gesprächsstoff und Fachsimpeln sorgte. Für ihren Trip in die westlichen Nationalparks sind sie aber ausnahmsweise aufs Auto umgestiegen – auch der Zeit wegen. Etwas später als erwartet ging es dann endlich ins Bett – die vorerst letzte Nacht im Zelt. Dank der im Viertelstundentakt vorbeifahrenden Güterzüge wurde ich auch wieder gut an die Zivilsation akklimatisiert.

Noch komplett leere Straßen und frische 5 °C um fünf Uhr morgens - nur die Güterzüge rollten weiterhin im Viertelstundentakt an mir vorbei
Noch komplett leere Straßen und frische 5 °C um fünf Uhr morgens – nur die Güterzüge rollten weiterhin im Viertelstundentakt an mir vorbei

Mehr Wild als Autos

Der Start in den Tag erfolgte wie gestern: Kühl. Zwar musste ich heute meine Handschuhe nicht tragen, ich war aber kurz davor. Temperaturen um 6 °C ließen meine Hände mal wieder in Zeitlupenmodus wechseln. Als ich eine Tasche für das Frühstück öffnen wollte, fühlte ich mich wie ein Astronaut im Weltall. Um diese Zeit war auf der Route 66, der ich den ganzen Tag folgen würde, so gut wie kein Verkehr. Die nette Familie von gestern überholte mich nach wenigen Kilometern mit ihrem Wohnmobil, da auch sie die morgendliche Kühle für den Start ihrer Wandertour ausnutzen wollten. Ansonsten traf ich eher auf viele Füchse, Kaninchen und sogar einen Elch. Und natürlich auf unendlich viele und unendlich lange Güterzüge.

Mal wieder Begleitung

Nachdem die ersten 50 Kilometer vor allem von langgezogenen Anstiegen geprägt waren, hieß es von nun an größtenteils entspannen – es ging fast nur noch bergab. Das beschleunigte die Zeit noch einmal. Ehe ich mich versah, hatte ich bereits vor acht Uhr die Hälfte hinter mir. Zeit für eine ausgedehntere Frühstückspause – wieder Laugenbrötchen mit Nutella. Mittlerweile kratzte die Temperatur schon wieder an den 30 °C, was dem Nutella eine schöne Konsistenz zum Eintunken gibt. Nur wenige Kilometer nach der Stärkung sah ich in der Ferne dann plötzlich wieder einen Radfahrer: Es war Jean, ein Lehrer aus Texas. Er selbst findet Radfahren langweilig und setzt sich nur einmal im Jahr auf den Sattel – in den Sommerferien. Und dann jeweils für eine große Tour.

Drei Radfahrer auf einen Streich

Nicht nur über das Radfahren hatten wir unterschiedliche Meinungen. Es tat zwar sehr gut, mal wieder eine Begleitung zu haben – besonders weil die Zeit und die Kilometer dann direkt viel schneller verfliegen und auch die Hitze nicht mehr so unerträglich erschien. Doch als irgendwann das Thema zweiter Weltkrieg nicht mehr aufhören wollte, war ich etwas erleichtert, dass Jean eine Pause an einer Tankstelle einlegen wollte. Zwischendurch kam uns übrigens auch noch ein weiterer States-Crosser entgegen – ein Pastor, der an der Hitze bereits verzweifelte. Wir waren auch die ersten Radfahrer, die er seit seinem Start vor acht Tagen gesehen hat.

Verlassene Motels und auch Restaurants waren keine Seltenheit auf der 66. Die Glanzzeiten der Route sind Vergangenheit
Verlassene Motels und auch Restaurants prägten das Bild auf der ehemals so prachtvollen Route 66

Fahren in der Sauna

Wieder alleine unterwegs, wurde ich für die letzten 30 Kilometer direkt mit dem Trio der Quälerei konfrontiert: Nach einer Linkskurve Richtung Südwesten hatte ich plötzlich direkten und starken Gegenwind. Gleichzeitig waren es mittlerweile wieder über 40 °C und dann ging es auch noch leicht bergauf. An richtiges Vorankommen war nicht mehr zu denken. Am Ende schlich ich in einer kleinen Übersetzung und etwa 10-15 km/h, je nach Windböe, auf dem Seitenstreifen vor mich hin. Legte noch zwei Mal eine Pause ein, um die Wasserflaschen nachzufüllen – während ich auf den ersten zwei Dritteln nur eine halbe Flasche verbraucht habe, leerte ich jetzt auf den letzten Metern in der Hitze meine gesamten Vorräte. Es fühlte sich an, als würde man in der Sauna Rad fahren – und jeder Tropfen Wasser, der auf meine Oberschenkel tropfte, glich einem kleinen Aufguss.

Relikte aus besseren Zeiten

An einigen Stellen lenkte zwar das ein oder andere verlassene Gebäude, das an die Glanzzeiten der Route 66 erinnerte, von den Qualen ab – aber dennoch fühlte sich dieses Stück endlos an. Sechs Kilometer vor dem Ziel legte ich bei der ersten Tankstelle, die an der Strecke lag, eine ausgedehnte Eis- und Eistee-Pause ein. In dem klimatisierten Shop kühlte ich mich erst einmal wieder herunter. Dann ging es auf die Zielgeraden, gefühlt im Schneckentempo. Als ich am Motel ankam, war es gerade erst zwölf Uhr Mittags. Trotzdem konnte ich schon einchecken und meine heiß kalt ersehnte Dusche genießen, mich ausruhen und dank „High Speed Internet“ mich mal wieder mit der Familie updaten – am Ende nur über Whatsapp, bei für Skype hat das angepriesene Internet nicht gereicht.

Vereinzelt gab es allerdings auch weiterhin teilweise sehr herausstechende Diner, an denen das "Open"-Schild noch leuchtete
Vereinzelt gab es allerdings auch weiterhin teilweise sehr herausstechende Diner, an denen das „Open“-Schild noch leuchtete

Vorfreude auf den Urlaub vom „Urlaub“

Meinen Plan, Mittags das erste Mal „In-N-Out Burgers“ auszuprobieren, auf das ich übrigens schon seit Tagen hinfiebere, strich ich aufgrund der Hitze dann doch. Einen zweiten Anlauf werde ich gleich zum Abendessen wagen, wenn die Hitze hoffentlich etwas erträglicher geworden ist. Und dann geht’s früh ins Bett: Morgen steht ein langer Tag an. 170 Kilometer bis Las Vegas, und die will ich nicht komplett in der Sauna verbringen. An Motivation fehlt es jedenfalls nicht: Die Vorfreude auf meinen „Urlaub vom Urlaub“ ist bereits sehr groß.

Die Etappe auf Strava

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