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USA 2016

Vegas, Baby!

Fast wäre ich dran vorbeigefahren: Seit dem Hoover Dam war ich mehr damit beschäftigt, in der Hitze nicht einzugehen
Fast wäre ich dran vorbeigefahren: Seit dem Hoover Dam war ich mehr damit beschäftigt, in der Hitze nicht einzugehen

Auf einer langen Etappe ging es heute in die Stadt der Casinos. Zu sehen gab es außer Steinen und dem Hoover Dam nicht viel – Las Vegas liegt eben mitten in der Wüste.

Frühstück oder kühle Luft?

Das war eine schwierige Entscheidung: Das im Preis inbegriffene Motel-Frühstück mitnehmen oder doch lieber eher starten? Dank meines lippischen Geizes dachte ich da länger drüber nach, als mir lieb war. Am Ende siegte aber die Erfahrung der letzten Tage: Das frühe Losfahren ist definitiv mehr wert. Um fünf Uhr saß ich deshalb wieder auf dem Rad und bahnte meinen Weg durch Kingman, dieses Mal sogar noch mit Rücklicht. Immerhin war bereits viel los auf den Straßen. Ich brauchte nicht lange, um auf meinen Highway für den Tag zu gelangen: Die Route 93. Die begrüßte mich erst einmal mit einem steilen Anstieg, ehe es anschließend für knapp 40 Kilometer immer leicht bergauf ging. Doch obwohl es für die frühe Uhrzeit mit über 20 °C bereits sehr warm war, ließen sich die ziemlich schnell hinter mich bringen.

Auf der Route 93 ging es die ersten zwei Drittel schnell voran - trotz einiger Anstiege
Auf der Route 93 ging es die ersten zwei Drittel schnell voran – trotz einiger Anstiege

Mit High-Speed Richtung Hoover Dam

Motivierend war nicht nur der Gedanke, noch möglichst viele Kilometer in möglichst angenehmen Temperaturen zurückzulegen, sondern auch der Ausblick auf eine lange Abfahrt: Pünktlich auf den Kilometer ging es plötzlich bergab – ebenfalls für fast 40 Kilometer. Und dieses Stück hatte es in sich: Mit etwa 35-40 km/h konnte ich ohne große Anstrengung in kürzester Zeit bereits einen Großteil der Etappe hinter mich bringen. Auch ein paar kleinere Anstiege dämpften das Tempo nicht groß ein, so dass ich bereits vor zehn Uhr den Hoover Dam nach 120 Kilometern erreichte. Die erste Ernüchterung: Der Parkplatz für den Fußweg auf der Brücke, über die ich gerade noch fuhr, war nur über einen zwei Kilometer langen Umweg zu erreichen. Doch viel schlimmer: Ich müsste einige zusätzliche Höhenmeter bestreiten.

„Es geht nach L.A.!“

Der Gedanke daran, dass ich so schnell nicht noch einmal herkommen würde, ließ mich dann tatsächlich abbiegen. Bis zum Damm selbst wollte ich nicht fahren, aber mir wenigstens einen guten Überblick verschaffen. Auf den knackigen Anstiegen direkt neben dem Highway merkte ich erst, wie sehr die Sonne mittlerweile wieder stach. Am Parkplatz angekommen suchte ich also erst einmal Schatten am Toilettenhäuschen, was eine angenehmen Umgebungs-Duft garantierte. Aus Paranoia, dass ein mir ins Auge gefallenes Airbnb-Angebot für Los Angeles später bereits gebucht sein könnte, plante ich hier zwischen Auto- und Menschen-Abgasen also kurzerhand am Surface meine Route von Las Vegas nach L.A. – um abschätzen zu können, wie viele Tage ich brauche. Anschließend buchte ich mir dann sofort ein Bett in einer Art Hostel direkt in West Hollywood – für unschlagbare 25 Dollar/Nacht. Jetzt war ich all meine Sorgen los und konnte die Aussicht auf den Staudamm in Ruhe genießen.

Für diesen Ausblick auf den Hoover Dam habe ich einige zusätzliche Qualen auf mich genommen
Für diesen Ausblick auf den Hoover Dam habe ich einige zusätzliche Qualen auf mich genommen

Das Mittagessen als Motivation

Der berühmte Damm war nicht nur Attraktion, sondern zeigte mir auch, dass ich von jetzt an Arizona hinter mir gelassen und Nevada befahren habe. Außerdem bin ich jetzt in dem Teil Amerikas, der in „GTA San Andreas“ imitiert wird. Ich kannte das technische Wunderwerk deshalb bisher als „Sherman Dam“. Nach fast zwei Stunden Pause war es Zeit, wieder weiterzufahren – trotz Hitze. Doch die Aussicht auf ein Mittagessen und insgesamt nur noch knapp 50 Kilometern zu fahrende Strecke trieben mich wieder aufs Rad. Nach einem sehr langen und quälenden Anstieg (wieder mit dem Trio Gegenwind, Hitze und steilen 5% bergauf) erreichte ich endlich die erste Stadt seit meiner Abfahrt – Boulder City. Hier ging es direkt zur Fast-Food-Meile am anderen Ende der Stadt, um die Reserven wieder aufzufüllen. Und das hatte ich mittlerweile auch bitter nötig.

Schleichend durch die Hitze

Für die knapp zehn Kilometer vom Damm bis Boulder City habe ich eine gefühlte Ewigkeit gebraucht. Die Belohnung bei „Jack in the Box“ (ein neuer Punkt auf der Fast-Food-Liste!) inklusive großem Oreo-Shake tat zwar gut, meine Beine fühlten sich nach der Pause und zurück in 40 °C aber nicht weniger schwer an. Glücklicherweise ging es jetzt fast bis in die ersten Ausläufer von Las Vegas nur noch bergab – hier ließ ich mich meist einfach nur noch rollen und trank nebenbei jede Menge Wasser. Der Verkehr wurde immer dichter und heizte die eh schon heiße Straße noch mehr ein. In der Spitze zeigte das Garmin mir 47,4 °C an. Der Mund war hier jetzt mit jedem Atemzug wieder ausgetrocknet, gleichzeitig konnte ich das warme Wasser irgendwann einfach nicht mehr schmecken. Alleine der Gedanke an noch mehr von dieser Wärme-Schorle verursachte Bauchschmerzen. Doch es gab keine andere Möglichkeit: Ab und an musste der Mund vor dem Zerbröseln wieder aufgefrischt werden.

Rekord des Tages: 47,4 °C - dagegen waren die Temperaturen in den letzten Tagen regelrecht wjnterlich
Rekord des Tages: 47,4 °C – dagegen waren die Temperaturen in den letzten Tagen regelrecht wjnterlich

Room-Upgrade

Auf den letzten Meilen zum Hotel kam ich ans Ende meiner Kräfte. Die Hitze langte alles an mir ab und die Beine waren nach mittlerweile über 160 Kilometern auch leer. Daher legte ich nach einigen Minuten Schleich-Partie wieder eine Pause im Schatten ein – mal an einem Baum, mal hinter einer Bushaltestelle. Im Schatten bei „nur“ 40 °C ließ ich meinen Körper mal wieder etwas abkühlen. Mit allerletzten Energiereserven kam ich dann irgendwann endlich beim Stratosphere Hotel & Casino an, wo ich mir noch ein (ebenfalls sehr günstiges) Room-Upgrade gönnte. Jetzt bin ich im 20. Stock mit Ausblick über die Stadt und den anschließenden Bergen in der Wüste und habe ein riesiges Zimmer. Ausschlaggebender Punkt für die paar Dollar extra war aber der Kühlschrank – die Standard-Zimmer haben überraschenderweise keinen.

Erschlagen vom Luxus

Vom Hotel selbst wurde ich dann übrigens etwas erschlagen. Überall blinkte und dudelte es im Erdgeschoss, wo die gesamten Spielautomaten und Spieltische vom Casino standen. Hier musste man sich erst einmal zurechtfinden. Dann genoss ich den Gepäckservice, der meine Taschen vom Rad auf seinen Trolley lud und mir direkt zum Zimmer brachte. Das war mir schon genug Luxus für heute. Erschöpft machte ich nicht mehr viel, außer bei leider recht langsamen Internet eine Folge „Game of Thrones“ nachzuholen (High-Speed kostet Aufpreis!) und mir Abends noch bei Walgreens etwas zu Trinken und zu Knabbern zu kaufen. Der eigentliche Spaß beginnt dann morgen – wohl aber erst Abends, denn dann ist es bei immer noch über 30 °C etwas erträglicher.

Die Etappe auf Strava

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