Rückblick

Links vor zweieinhalb Monaten in New York City und rechts letzte Woche in San Francisco

Links vor zweieinhalb Monaten in New York City und rechts letzte Woche in San Francisco

Mitte April: Ich bringe mich für das Startfoto auf der Brooklyn Bridge in San Francisco in Position. Damit soll meine große Reise beginnen. Zweieinhalb Monate und 50 Tage auf dem Rad später werde ich wieder von einem netten Touristen fotografiert – jetzt vor der Golden Gate Bridge. Zielfoto, Vorhaben geschafft. Auf insgesamt 6.470 Kilometern habe ich nicht nur einmal die Vereinigten Staaten von Ost nach West durchquert, sondern bin auch ein Stück an der Westküste hochgeradelt. Dabei habe ich nicht nur einige Meilen zurückgelegt, sondern auch unendlich viele Erfahrungen und Erinnerungen gesammelt.

Rückblickend fällt der Großteil definitiv positiv aus. Trotz Regen im mittleren Westen, Schneesturm in den Rockies oder unerträglicher Hitze in den Wüsten überwiegen doch die herrlichen Sonnentage. Und auch gebrochene Speichen oder eine gerissene Kette haben mich nicht davon abgebracht, mein Ziel zu erreichen. In den Situationen selbst schien die Lage zwar erst sehr deprimierend, doch wie oft bin ich anschließend auf unglaublich hilfsbereite Menschen getroffen, die mit aller Mühe versucht haben, mich wieder auf die Straße zu bringen – zum Beispiel die beiden Jungs, die mir meine Kette behelfsmäßig geflickt haben; der Radmonteur, der mir kostenlos an seinem freien Tag meine Speiche ausgetauscht hat oder Familie Martin, die mir nach einem endlos scheinenden Tag im Gegenwind einfach so ein warmes Bett angeboten hat.

Überhaupt spielt Gastfreundschaft eine ganz große Rolle auf der Reise. Ich bin immer noch fasziniert vom Konzept der Plattform Warmshowers, für die ich mich erst während der Reise registriert habe. Über ein Dutzend Mitglieder haben mir nicht nur eine warme Dusche, sondern auch ein warmes Bett, Essen und spannende Geschichten geschenkt. Teilweise im eigenen Gästezimmer mit privatem Bad. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Auf der einen Seite zahle ich 50 bis 60 Dollar für ein schäbiges Motelzimmer, in dem ich dann alleine sitze. Und dann bieten mir all diese Menschen einfach so einen Platz in ihrem Haus oder ihrer Wohnung an – inklusive der gewonnenen Freundschaften tausend Mal mehr wert als ein Motelzimmer direkt am Highway. Allen bin ich unendlich dankbar und hoffe, dass ich mich gut revanchieren kann. Und auch all die anderen Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet sind, haben mir gezeigt: So schlecht steht es gar nicht um unsere Welt.

Der Kontinent Nordamerika hat mich in vieler Hinsicht überrascht. Natürlich geht man mit einigen Erwartungen und Vorurteilen auf so eine Tour. Und eigentlich wurde ich nur positiv überrascht. Große Städte wie New York City oder Philadelphia zeigten mir direkt zu Beginn der Reise, dass Amerika auch fahrradfreundlich kann. Die Appalachen überraschten mich anschließend mit steilen Anstiegen und genauso atemberaubenden Landschaften. Kansas war im Gegensatz zu allen (!) Vorurteilen weder flach noch hässlich. Und die Wüsten nicht so leer, wie ich es erwartet habe. Eine Sache, die ich zwar im Hinterkopf, aber doch leicht unterschätzt hatte: Die langen Distanzen. Als mein Garmin mir in Kansas sagte, dass ich in 430 Kilometern rechts abbiegen soll, staunte ich nicht schlecht.

Viele haben mich unterwegs gefragt, was mir am besten gefallen hat oder was mich am meisten überrascht hat. Darauf spontan eine Antwort zu finden, fiel mir immer wahnsinnig schwer. Vielleicht ist es einfacher, wenn man die Fragen etwas mehr spezialisiert: Wo würde ich zum Beispiel auch hinziehen wollen? Da kommen mir dann sofort New York City, Chicago, Kansas City, die Rockies oder die Bay Area ins Gedächtnis – alle meine klaren Favoriten der Tour, wenn es um Atmosphäre, Architektur oder Menschen geht. Nach Las Vegas muss ich im Gegensatz nicht noch einmal.

Manchmal wurde mir auch die Frage gestellt, ob ich mich jetzt nach der Durchquerung der Staaten anders fühle oder mich verändert habe. Ich selbst kann das gar nicht so richtig beurteilen, aber anders fühle ich mich nicht. Eher fühle ich mich so wie vorher und habe irgendwie immer noch nicht ganz realisiert, dass ich die letzten zweieinhalb Monate auf dem Rad verbracht habe. Vielleicht bin ich etwas selbstbewusster und mutiger geworden, wenn es darum geht, fremde Menschen um Gefallen zu bitten. Das kam auf der Reise ja etwas häufiger vor. Auch bin ich offener und positiver gegenüber fremden Menschen eingestellt. Jeder hat seine eigene, spannende Geschichte – das vergisst man manchmal schnell, wenn man sich nur für ein paar Augenblicke begegnet.

Je mehr ich auf den letzten Etappen dem Ziel näher kam, desto mehr wollte ich einfach nur schnell wieder nach Hause. Das war die ersten zwei Drittel der Tour noch anders. Bis zum Grand Canyon motivierte mich vor allem die Abenteuerlust und der Spaß an der ganzen Sache. Ich lernte so viele Leute kennen, entdeckte die für mich unbekannten Regionen. Ich war quasi auf meiner eigenen Amerika-Entdeckungsreise – zum Glück musste ich nicht gegen Indianer kämpfen und fand auch schon asphaltierte Straßen vor. Dann änderte sich das Bild: Plötzlich wimmelte es überall nur noch so von Touristen und ich konnte das bisherige Gefühl nicht mehr so richtig wiederfinden. Der Abenteuer-Faktor verschwand mit der hohen Anzahl an Miet-Wohnmobilen auf den Straßen.

Doch kaum ein paar Tage am Ziel, legte sich dann wieder ein Schalter um. Plötzlich dachte ich mir: Hier könnte ich auch bleiben. Klar gibt einige Sachen, die ich hier drüben vermissen würde. Doch besonders bei der Familie meiner Freundin fühlte ich mich sehr schnell sehr wohl und konnte quasi direkt in den amerikanischen Alltag eintauchen. Jetzt sitze ich im Flieger nach Hause – und obwohl ich traurig bin, das Land der endlosen Möglichkeiten hinter mir zu lassen, freue ich mich schon wieder auf meine Familie, meine Freunde und all die Kleinigkeiten wie frische Brötchen oder den deutschen ALDI. Wobei ich definitiv mal nach einer Expansion von „Trader Joe’s“ nach Deutschland fragen werde.

Jetzt bleibt die große Frage: War’s das? Natürlich nicht! Radfahrtechnisch eh nicht, denn ich vermisse mein Canyon schon so sehr und werde mich wahrscheinlich schon morgen früh wieder auf eine kleine Tour stürzen. Außerdem habe ich noch viele Punkte auf meiner To-Do-Liste, was Rennrad-Highlights angeht: Es stehen noch Tagestouren an die Ostsee oder nach Detmold an. Auch über die werde ich wieder in alter Gewohnheit hier auf Flowbiker berichten. Und etwas größere Reisen sind tatsächlich auch schon in grober Planung. Die Alpen vermisse ich schon seit dem letzten Skiurlaub und warten nur darauf, mal mit dem Rennrad erreicht und befahren zu werden. Und dann ist da ja noch dieser eine Gedanke: Was, wenn die USA-Durchquerung nur der erste Schritt einer Weltumrundung war?

Am Ende möchte ich mich noch einmal bei allen bedanken, die mich so wahnsinnig unterstützt haben und diese Tour so besonders und unvergesslich gemacht haben. Das sind natürlich auf der amerikanischen Seite die ganzen Hosts, die mich aufgenommen haben und die Menschen, die mich in so vielen Situationen unterstützt haben. Und dann war natürlich auch „Mission Control“ in Form meiner Familie und meiner Freundin ein wichtiger Faktor. Mein Vater war mir quasi immer schon einige Schritte voraus und leitete mich wie ein Copilot von Deutschland aus durch große Teile der Tour. Und ohne die Lokal-Kenntnisse meiner Freundin wäre ich wohl das ein oder andere Mal in ein Fettnäpfchen getreten. Nicht zu vergessen ihr alle vor den Bildschirmen, die mein Abenteuer mitverfolgt und mit den ganzen LIkes und Kommentaren für eine unglaubliche Motivation gesorgt und mir so auch an schlechten Tagen wieder auf den Sattel geholfen habt!

Die Tour im Zahlen-Überblick gibt’s dann die Tage – ich bin gerade in Barcelona gestrandet (da wollte ich eigentlich nicht hin).