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Langstrecke Max

Von Berlin über den Brocken nach Detmold

Von Berlin in die Heimat an einem Stück zu radeln stand schon länger auf meinem Plan. Genau wie auf den Brocken zu fahren. Warum also nicht beides kombinieren?

Kurz vor drei Uhr morgens, der Wecker klingelte schon wieder. Ganze zwei Stunden Schlaf hab ich mir noch gegönnt, bevor ich ein bereits seit längerem geplantes Projekt angehen will: Von der Haustür in Berlin erst zum Brocken und dann weiter nach Detmold. Bisher kam der Wind nie aus der richtigen Richtung, und als er es im März dann doch einmal kam, scheiterte der erste Anlauf an der Kälte. Nun schien aber alles perfekt: Temperaturen, Wind und vor allem die längeren Tage. Pünktlich um halb vier saß ich auf dem Rad und startete in die Morgendämmerung. Dank Vollmond und besonders dank Straßenlaternen ließ es sich die ersten Kilometer bis Werder wunderbar rollen. Eigentlich müsste man öfter um diese Uhrzeit auf die Straße, Berlin ist einfach eine ganz andere Stadt. Ich war bis auf ein paar Füchse auf der Krone ganz alleine und man hat einfach dieses wahnsinnige Gefühl, als wenn es die Straßen nur für einen selbst gibt.

Sonntags um vier Uhr morgens hat man die Straßen definitiv noch für sich, so wie hier an der Glienicker Brücke

Apokalypsen-Stimmung in Brandenburg

Trotz Wochenende blieb es auch die nächsten Kilometer sehr ruhig – erst rollte ich durch die schönen Apfelplantagen hinter Werder, dann über die Dörfer erst nach Lehnin, dann nach Ziesar. Nirgendwo traf ich Menschen. Dafür umso mehr Kaninchen und Rehe. Die Strecke war einfach traumhaft. Ich kannte zwar die meisten Ecken, aber so früh am Morgen war ich hier auch noch nie. In einem der Dörfer entdeckte ich noch einen kleinen Bruder des Berliner Fernsehturms, so weit kann ich also noch gar nicht gekommen sein. Aber: Schon mehr als 80 Kilometer auf dem Garmin, der Rückenwind scheint seinen Dienst zu tun. Kurz vor Ziesar rolle ich über die A2, gucke nach rechts und links und sehe ebenfalls kein Auto – als wäre durch Corona nicht schon genug Apokalypse-Stimmung. The Walking Dead in Brandenburg? Würde gerade irgendwie passen. Doch statt Zombies zum Glück nur noch mehr Rehe, sogar mit noch ganz kleinen Kitzen.

Wunderschön: Ausblick von den Apfelplantagen über Werder und die Havel bei Sonnenaufgang

Das schwächste Glied

Ab und an mache ich Pause für ein paar schöne Bilder von der Leere, die schon deutlich verwitterten Bushäuschen mit ihren drei Abfahrten pro Tag auf dem Fahrplan passen da ganz gut ins Ensemble. Die Kilometer verfliegen nur so, bis mich ein immer wieder auftretendes Geräusch aus der Trance zieht: Alle zwei Sekunden quietscht die Kette ganz kurz ganz laut. Als wäre genau ein Kettenglied nicht geölt. Durch meinen Kopf schwirren direkt mehrere Gedanken: Kann man aus dem Raps am Straßenrand direkt Öl pressen? Taugt das Öl, mit dem anscheinend in einigen Dörfern schon das Sonntagsmahl angebraten wird, auch für die Kette? Die meisten Radfahrer werden aus eigener Erfahrung wissen, wie nervtötend so ein winziges Geräusch am Rad sein kann.

Den Harz am Horizont

Irgendwie schaffte ich es dann, mich vom Geräusch abzulenken, in dem ich wieder ein paar Video-Botschaften an meine bessere Hälfte sendete. Darin regte ich mich über die kerzengerade und langweilig verlaufende B246 auf, die mich sehr an die schrecklich zu fahrende Route 24 in den USA erinnerte. Auf der B246 war ich auf meinem Trip nach Magdeburg vor sechs Jahren schon mal, damals aber irgendwann tagsüber bei deutlich mehr Verkehr – jetzt hatte ich eigentlich Glück, mich überholten nur wenige Autos und ich konnte den Blick auf den Horizont streifen lassen. Und ehe ich mich versah, bemerkte ich dort kurz vor Magdeburg schon eine dunklere Silhouette. Ein Gefühl, als würde man gerade die Alpen oder die Rockies am Horizont erkennen – juhu! Der Harz ist in Sichtweite.

Zwischen Ragösen und Groß Briesen ist zwar der Asphalt nicht der beste, dafür ist der Ausblick umso schöner

Im deutschen mittleren Westen

Durch Magdeburg ging es dann ganz schnell. Das Garmin zeigte mittlerweile 150 Kilometer an und auf der alten Kanonenbahn ließ es sich wunderbar in die Stadt reinrollen. Viel los war hier auch nicht und so vertagte ich die geplante Pause auf später. Kaum aus der Stadt raus begleitete mich leider wieder die B246. Wieder USA-Feeling, es ging von Bauernhof zu Bauernhof, von Silo zu Silo. Die Autos überholten trotz des geringen Verkehrs zu dicht und ich fieberte dem Abzweig auf die Landstraße entgegen. Dann: Endlich die Erlösung, und wie im Paradies stand direkt an der Kreuzung ein Gasthof mit offener Tür. Essen gab es leider noch nicht, aber ich durfte meine Trinkflaschen auffüllen. Mittlerweile verzogen sich auch die grauen Wolken immer mehr vom Himmel und ich entblößte mich meiner Windjacke und Armlingen.

Die Hälfte geschafft

Leider war die ruhige Landstraße nur von kurzem Vergnügen. Von Groningen bis Halberstadt folgte ich nun auch wieder einer dicht befahrenen Bundesstraße, mittlerweile hatte sich der Autoverkehr deutlich gesteigert. Zu meinem Glück begann irgendwann ein Radweg, der wiederum erstaunlicherweise leer war. In Halberstadt dann erst einmal wieder Fotos, Suche nach etwas Essbaren und letztendlich bei der Tankstelle an der Ortsausfahrt fündig geworden. Mit 200 Kilometern war die Hälfte jetzt kilometertechnisch immerhin schon geschafft – das ging leichter als gedacht, wahrscheinlich auch dank des immer stärker wehenden Rückenwinds. Was die Höhenmeter anging war ich quasi noch ganz am Anfang der Tour und ich war echt gespannt, was mich jetzt erwartete. Irgendwie hat man ja immer zu wenig Höhenmeter trainiert, wenn man in Berlin wohnt, und jetzt will ich gleich direkt auf den höchsten Berg Norddeutschlands.

Jetzt wird es gleich ernst: Kurz vor Beginn des ersten Anstiegs Richtung Brocken gab es von Komoot noch einmal einen besonders schönen Streckenabschnitt

Unerwartet leerer Anstieg

Immerhin machte mir Komoot mal wieder die Sache schön einfach: Die letzten hundert Meter zum Beginn des Anstiegs in Heimburg führte mich die Route über eine wunderschön leere und rennradtaugliche Asphaltplatten-Straße. Und danach ging es auch nur ganz kurz über eine größere Straße, bis ich direkt wieder abbiegen und für fast zehn Kilometer einen herrlichen ersten Anstieg Richtung Brocken genießen durfte. Kaum Autos, kaum Motorräder, dafür zwei kleine Baustellenampeln, die aber vielleicht genau der Grund für diese entspannten ersten 300 Höhenmeter. Dann ging es bis kurz vor Schierke über die etwas vollere Straße, ehe ich auch dort angenehm entspannt durch den Ort fahren konnte. Anschließend blieb ich zwar bis Schierke auf der etwas volleren Straße, doch ausnahmsweise hielten sich hier mal alle an den Mindestabstand und fuhren allgemein sehr vorsichtig.

Kein Mindestabstand am Brocken

Bis Schierke rollte es sich eh ganz entspannt und recht flach, ehe ich dort dann endlich auf die nur für Wanderer und Radfahrer geöffnete Brockenstraße fahren konnte. Zwar störten keine Autos oder Motorradfahrer auf diesem letzten und steilsten Stück zum Brocken hoch – dafür musste man sich umso mehr konzentrieren, um den ganzen Fußgängern auszuweichen. Und wie viele das waren! Klar, es war Sonntag, es war Pfingsten, die Sonne brutzelte mittlerweile gut auf der Haut. Corona-Sicherheitsabstände konnte man hier jedenfalls vergeblich suchen. Zwischendurch kamen mir auch einige Kutschen entgegen, gefährlicher waren aber die in Onesies gekleideten Radfahrer auf ihren Klapprädern, mit denen sie anscheinend ohne zu bremsen durch die Menschenmassen herunterknallten. Zwischendurch hörte man immer mal wieder die Dampflok der Brockenbahn pfeifen, aber ausmachen konnte ich sie bis zum Gipfel nicht.

Bergauf leitete mich Komoot auf ziemlich ruhige Nebenstrecken – von Sonntagsverkehr keine Spur

Erbsensuppe auf dem Brocken

Noch drei andere Rennradfahrer überholt (einer auf einem Aeroad, das fühlt sich dann besonders schön an), mehr traf ich am Anstieg nicht. Und plötzlich war ich schon oben. Auch hier tummelten sich die Massen, ich knipste noch schnell die Dampflok und das Rad vor der Wetterstation und gönnte mir dann eine warme Erbsensuppe. Hier ganz oben war es dann doch wieder etwas frisch, und die Windjacke brauchte ich für den Abstieg ja wahrscheinlich eh. Doch so schnell konnte ich gar nicht bergab fahren – erst waren es wieder die ganzen wandernden Großfamilien, dann das absichtlich eingeplante Gravel-Stück. Mehr als fünf Kilometer ging es jetzt abwechselnd über groben Schotter oder hässliche durchlöcherte Betonplatten nach unten. Was ich am Anstieg zum Glück nicht musste, kam leider jetzt: Ich musste absteigen, anders kam ich ein kurzes steiles Stück mit den Rennrad-Reifen nicht runter. Doch alles hielt und am Ende konnte ich über recht festen Schotter sogar ein kurzes Stück zurück zur richtigen Straße richtig düsen. Was tut man nicht alles für eine kleine Abkürzung Richtung Osterode.

Bergab ging es für knapp fünf Kilometer über Schotter, Kies und miese Betonplatten (links zu sehen – und das waren an dieser Stelle noch die guten)

Autofreie Abfahrt nach Altenau

Hinter Torfhaus dann mal wieder ein bekannter kurzer Schock: Baustelle, Durchfahrt auf der geplanten Strecke gesperrt. Normalerweise juckt mich das ja meist nicht, solange nicht eine ganze Brücke abgerissen ist. Aber mit der Aussicht, eventuell wieder einige Kilometer bergauf zurückfahren zu müssen, überlegte ich jetzt doch zwei Mal, die Abfahrt trotzdem zu wagen. No risk, no fun – zum Glück traf ich aber noch einmal einen anderen Radfahrer, der mir entgegen kam und der mir bestätigte, dass man als Rad durchkommt. Also mit bestem Gewissen die komplett autofreie Abfahrt nach Altenau genossen. Dafür hat sich alleine der ganze Anstieg gelohnt! Hinter Altenau dann noch mal kurz bergauf und auf die nächste Abfahrt bis runter zur Sösetalsperre. Was für wunderschöne Ausblicke! Fast schon zu schön, um wahr zu sein – vor allem, weil ich es ganz surreal fand, von Berlin bis hierher einfach nur mit dem Rad gekommen zu sein und das auch noch an einem halben Tag. Dazu fühlte ich mich wunderbar, kein Knie machte sich bemerkbar, kein Po, die Beine traten immer noch gut vor sich hin. Also: Foto schießen, wieder rauf auf den Sattel und weiter.

Blick von der Sösetalsperre

Wohnungsbesichtigung und Pasta in Dassensen

Hinter Osterode hörten die schönen Ausblicke nicht auf. Traumhaft war der Ausblick über diese hügelige Landschaft, die fast ein wenig an das Auenland bei Herr der Ringe erinnerte. Dazu das schöne Licht von der Abendsonne. Über schöne Anstiege und noch schönere Abfahrten kam ich erst nach Dorste, wo ich auf einen doch noch mal schöneren Abschnitt des Europa-Radweg wechselte, der hier einfach zwischen den Feldern herführte. Schnell durch Northeim und ab nach Dassensen, wo ich einen kurzen Nudel-Zwischenstopp bei meiner Schwester und ihrem Freund einlegte – danke für die Verpflegung! Mit der neuen Energie ging es jetzt weiter über die ganzen schönen Hügel, ich verschwand wieder komplett im Flow. Nur das Garmin spielte nicht ganz mit, erst waren die Höhenmeter weg, dann die Trittfrequenz und dann hörten die Abbiegehinweise auf. Wo bleibt das Wahoo?

Im Dunkeln durch Höxter

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichte ich Holzminden, wo ich die Weser überquerte und das Rad wieder bereit für die Dunkelheit machte. Zum Glück blieb es die ersten Kilometer in Nordrhein-Westfalen noch halbwegs hell, denn Komoot hatte mir wieder eine wunderschöne Strecke weit ab von befahrenen Straßen herausgesucht, die sich aber im Dunkeln nicht ganz so gut befahren ließen. Dazu noch das Knistern und Rascheln rechts und links im Gebüsch, nach langsam 18 Stunden auf dem Rad wurde auch jede Bake am Straßenrand zu einem wilden Tier. Die noch ausstehenden Kilometer wurden immer weniger, aber die Ortsnamen sagten mir überhaupt nichts, obwohl ich fast zu Hause war. Fürstenau? Ja, hier war ich bestimmt schon mal. Aber einordnen konnte ich das alles nicht. Schwalenberg war ständig ausgeschildert, aber Komoot führte mich dann doch immer wieder weg – und dann kam es: Auf die ausgebaute B239. Eine ausgebaute Schnellstraße, aber ohne blaues Schild. Also prinzipiell legal, aber nichts, was man machen möchte – vor allem in der nun tiefsten Dunkelheit.

Kurz hinter Dassel ging es nicht nur gen Sonnenuntergang, sondern auch noch einmal über etwas steilere Anstiege ins Weserbergland

Mit dem Rad auf der Schnellstraße

Also bin ich vor lauter Schreck wieder runter, nur um dann eine Auffahrt weiter doch wieder aufzufahren – eine richtig gute Alternative fand ich jetzt auf die Schnelle nicht, obwohl ich immer mal wieder parallel verlaufende Wirtschaftswege fand. Es half nur eins: Treten, treten, treten und bei von hinten herannahenden Fernlichtern möglichst weit rechts fahren und hoffen, dass mein Rücklicht und meine Reflektoren gesehen werden. So schnell war ich noch nie in Marienmünster. Von dort an dann das komplette Gegenteil: Wieder fernab von ausgebauten Straßen, ein kurzes Stück sogar wirklich über Schotterpiste. Und das im Dunkeln in mir schon wieder unbekannten Orten. Nur noch 15 Kilometer bis zum Ziel, aber wo bin ich? Endlich rollte ich nach Steinheim rein – ab hier war es jetzt ein Heimspiel.

Noch so ein Verrückter

In Bad Meinberg sah ich nach dem kurzen Anstieg von Vahlhausen plötzlich einen anderen Rennradfahrer mit Licht und dachte erst, dass ich jetzt noch so einen Verrückten treffen würde, der auf einem Brevet unterwegs ist. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, dass es mein Papa war, der mir entgegen kam, um mich auf den letzten Kilometern zu begleiten. Danke! Jetzt konnte ich schon mal meinen angesammelten Frust über die eigene Streckenplanung in Lippe auslassen und anschließend noch das Finisher-Foto am Ortsschild von Remmighausen machen lassen. Anschließend ging es auch nur direkt unter die Dusche und ins Bett. Ich glaube so tief habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Meine Beine waren zwar schwer wie zwei Zementsäcke, dem restlichen Körper ging es aber überraschend gut. Da hat Burning Roads immer mehr reingehauen.

Geschafft: Nach 400 Kilometern in 16 Stunden Fahrzeit und 20 Stunden seit Start endlich im Ziel angekommen. Danke Papa fürs Zielfoto!

Fazit: Das hat Spaß gemacht! Was für ein langer Tag im Sattel, meine bis dato längste zurückgelegte Distanz an einem einzelnen Tag. Es ist unglaublich schön zu merken, wie weit man mit der eigenen Muskelkraft kommen kann. Dass der Rückenwind dabei von Vorteil war, ist sicherlich ein wichtiger Aspekt gewesen. Mal sehen, in welche Richtung der Wind mich demnächst mal wieder weht.

Die Tour auf Strava und auf Komoot

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