Bergtraining in Berlin: Grunewald vs. Müggelberg

Früh morgens hat man am Müggelberg die Straße noch für sich

Das erste Event in den Alpen steht an – und damit eigentlich auch viel Bergtraining. Doch wie und wo macht man das im flachen Berlin?

Der Reiz der Alpen

Als Philipp und ich uns im Winter für den Gran Fondo Stelvio im Juni angemeldet haben, dachte ich mir noch: „Das ist ja noch ewig Zeit, um einige Male richtiges Bergtraining zu betreiben“. Immerhin gilt es beim Event auf 150 Kilometer zwei der berühmtesten Alpenpässe in Italien zu bewältigen. Erst Mortirolo, dann Stelvio – oder in Höhenmetern: 4.000, einmal der halbe Mount Everest.

Wo sind die Berge?

Bereits im Frühjahr habe ich mir deshalb überlegt, wie ich das Training für so viele Höhenmeter angehen kann. In Berlin bleiben einem eigentlich nur wenige Optionen: Autobahnbrücken (dank der A10 zur Genüge), die paar natürlichen oder künstlichen Berge in und um der Stadt oder eben die sogar etwas höheren Erhebungen im Norden (z.B. Oderbruch) oder Süden (z.B. Fläming) der Stadt.

Die Anstiege der Stadt im Vergleich

Da erstere recht langweilig und letztere nur mit großer Anfahrt zu erreichen sind, rückten bei mir die städtischen Anstiege in den Fokus, die ich anschließend einmal alle unter die Lupe genommen habe, um mir den besten Berg zum Training auszusuchen. Eins haben alle gemeinsam: Mit etwa 44 Höhenmetern kann man für Berlin vergleichsweise schnell Höhenmeter sammeln. Alle Unterschiede zeige ich im Folgenden auf – weiter unten dann auch noch einmal im übersichtlichen Vergleich und mit Höhenprofilen.

Bergtraining im Grunewald: Havelchaussee und Karlsberg

Nach einem recht langen und geraden Anstieg auf den Karlsberg erwartet einen der „Willi“

Die Havelchaussee ist nicht umsonst eine der beliebtesten Trainingsstrecken in Berlin: Zwischen Wannsee und Wald lässt es sich entspannt und naturnah fahren, dazu warten einige kleinere Hügel auf ihre Besteigung. Der größte Anstieg auf der innerstädtischen „Küstenstraße“ ist der Karlsberg, besser bekannt als Auffahrt zum „Willi“. Den Spitznamen trägt der Grunewaldturm übrigens aufgrund seines Bauanlasses – der 100. Geburtstag Kaiser Wilhelms.

Mit insgesamt 44 Höhenmetern auf langen 900 Metern kommt man hier jedoch im Schnitt gerade mal auf knapp fünf Prozent Steigung. Dazu kommt der recht dichte Autoverkehr besonders an sonnigen Wochenenden, wobei man ab und an auch von den historischen Doppeldeckerbussen überrascht wird. Ansonsten eignet sich die Havelchaussee durch die Kombination der verschiedenen Hügel in beide Richtungen recht gut für ein abwechslungsreiches und leichtes Bergtraining – gut auch zum Einfahren für unseren nächsten Kandidaten:

Bergtraining im Grunewald: Teufelsberg

Kurz, knackig und sogar recht kurvig geht es den Teufelsberg hinauf – inklusive Serpentine vor dem Gipfel

Etwas versteckt im Grunewald findet man den künstlich errichteten Teufelsberg, bis 2015 immerhin die höchste Erhebung Berlins und bekannter Standort der ehemaligen US-amerikanischen Abhöranlage. Spannender für Radfahrer ist jedoch die sehr steile Auffahrt: Die durchgehend ziemlich gut geteerte Straße führt auf nur knapp 600 Metern ebenfalls 44 Höhenmeter hinauf. Für Abwechslung sorgen hier nicht nur ein paar mehr Kurven und sogar eine serpentine, sondern auch die kurzzeitig zweistelligen Steigungsprozente. Im Schnitt ist der Anstieg mit 8,4 % der steilste der hier gemessenen und macht ihn damit zu meinem persönlichen Sieger.

Weitere Vorteile: Eigentlich kaum Autoverkehr, da diese Straße offiziell für Autos gesperrt ist und meist auch noch Motivation durch weitere Rennradfahrer, die hier an Jens Voigts Hausberg trainieren. An Wochenenden kann es hier dann aber genau wie auf der Havelchaussee doch schon mal recht voll werden, auch Fußgänger oder Skateboardfahrer pilgern dann zu dieser Sehenswürdigkeit. Außerdem ein weiterer Nachteil: Die Anfahrt ist nicht unbedingt trivial, man muss recht große Umwege fahren, wenn man sein Rennrad nicht auf Waldwegen schmutzig machen möchte.

Bergtraining am Müggelberg

Rechts hinter den Bäumen versteckt sich der Müggelturm, bei der Auffahrt bleibt der Blick aber eher auf der maroden Straße

Vom Westen der Stadt in den Osten, genauer: In die Müggelberge. Das kleine Berliner „Gebirge“ beheimatet auch die höchste natürliche Erhebung der Hauptstadt, den Müggelberg. Auch hier hat man die Höhe für einen Aussichtsturm genutzt, mit dessen Besuchern man sich die kleine Auffahrt teilen muss. Unter der Woche ist hier verglichen mit dem Grunewald aber kaum etwas los, was diesen Aufstieg zum echten Geheimtipp für einsame Berg-Intervallsessions macht.

Mit fast sieben Prozent Steigung im Schnitt geht auch der Müggelberg gut in die Beine, auf 600 Metern erreicht man auch hier knapp 43 Höhenmeter. Gefordert sind hier aber nicht nur kräftige Beine, sondern auch viel Konzentration – die Straße hat hier leider schon mal bessere Tage gesehen und so gilt es sowohl beim Aufstieg als auch bei der rasanten Abfahrt, das altbekannte Spiel mit den Schlaglöchern und gefährlichen Rillen im Belag zu spielen. Nach einigen Wiederholungen lernt man andererseits schnell, die beste Spur zu finden.

Der direkte Vergleich

Karlsberg (von Süden) Teufelsberg Müggelberg
Durchschnittliche Steigung 4,8 % 8,4 % 6,9 %
Maximale Steigung 6,4 % 12,6 % 8,9 %
Länge 900 m 600 m 600 m
Höhenmeter 44 Hm 44 Hm 43 Hm
Strecke Google Maps Google Maps Google Maps

Datenquellen: Eigene Messung (gemittelte Werte aus mehreren Anstiegen an verschiedenen Tagen), Auswertung über Strava.

Höhenprofile

Fazit

Im Fazit bleibt zu sagen: Sowohl im Grunewald als auch am Müggelberg lassen sich durch viele Wiederholungen auch einige Höhenmeter in Berlin sammeln, besonders am Teufelsberg. Aussichten wie in den Alpen gibt’s zwar meist nicht, dafür aber kurze Anfahrtswege und durch das erzwungene Intervalltraining gute Trainingseffekte. Ob die Berliner Berge am Ende helfen, die Mitfahrer beim Gran Fondo Stelvio nicht einfach davonziehen lassen zu müssen, wird sich zeigen. Den ein oder anderen längeren und höheren Anstieg hätte ich mir dafür im Training schon gewünscht – dafür musste es dann entweder weiter weg oder zurück in die lippische Heimat gehen.