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USA 2016

Kühler Rückenwind

Bevor ich im weiteren Verlauf nur noch Straßen befahren werde, genoss ich heute noch einmal gut ausgebaute Trails
Bevor ich im weiteren Verlauf nur noch Straßen befahren werde, genoss ich heute noch einmal gut ausgebaute Trails

Heute standen wieder die magischen 100 Meilen, also 160 Kilometer an – in einer leichten Südkurve ging es von Cleveland immer Richtung Westen ins kleine Kaff Elmore.

Kalter Start in den Tag

Da mein einer Mitbewohner in meinem Hostel-Zimmer wieder einmal um vier Uhr aufstehen musste, war die Nacht auch für mich recht kurz. Meine restlichen Schlaf-Defizite aus den Camping-Nächten sollten aber mittlerweile ausgeglichen sein und so packte ich fix die restlichen Sachen zusammen und bereitete das Rad vor. Noch vor acht Uhr saß ich wieder auf dem Sattel – und zwar dick eingepackt mit Arm- und Beinlingen und Windjacke. Die Sonne strahlte bereits schön, trotzdem waren es nur knapp fünf Grad.

Fertig für den Start in den Tag
Fertig für den Start in den Tag

Eine weitere Abenteurerin

Aus Cleveland ließ es sich angenehm herausrollen. Der Wind schob mich bereits gut an und das Rad war nach einer kurzen Putz-Aktion gestern auch wieder sauber. Zusätzlich hatte ich auch endlich wieder die Kette geölt, mit dem Wind machte mein Rad also fast gar kein Geräusch mehr. Als ich gestern mit Schwamm und Rad vor dem Hostel stand, traf übrigens auch noch eine weitere Fernradreisende ein – Kelly. Wir kamen schnell ins Gespräch und redeten über unsere Touren. Kelly war allerdings bereits fast am Ende ihrer Reise, sie durchquert die USA von der Südküste bis nach Kanada. Da sie aber eigentlich in San Francisco wohnt, wollen wir uns dort vielleicht noch einmal kurz über den Ausgang unserer Reisen austauschen.

Natur pur vor den Toren Clevelands

Nach einigem Stop-and-go vor den Ampeln Clevelands kam ich irgendwann recht schnell in einen Park. Auf einem idyllischen und sehr gut ausgebauten Radweg schlängelte ich mich durch die Natur vor den Toren der Stadt und begegnete sogar einem Reh, das unbeeindruckt am Wegesrand stehen blieb. Es folgte mein vorerst letzter steiler Anstieg, bevor es auf der normalen Straße bis Elyria weiterging. Hier begab ich auf den ersten Abschnitt des North Coast Inland Trail, einem Radweg auf einer ehemaligen Eisenbahnstrecke. Hier konnte ich endlich abseits sämtlichen Autoverkehrs rasen, und das beste: Er war geteert, und zwar gut!

Bestens ausgebaute Radwege und Natur pur vor den Toren Clevelands
Bestens ausgebaute Radwege und Natur pur vor den Toren Clevelands

North Coast Inland Trail

Da der Weg jetzt genau Richtung Südwesten fuhr und der Wind aus Nordosten kam, hatte ich perfekten Rückenwind und die Kilometer vergingen nur so im Flug. Vor und hinter Norwalk musste ich dann leider für einige Kilometer auf die gut befahrene Route 20 wechseln, die aber mit dem Rückenwind ebenfalls in Windeseile verging. Jetzt schnell wieder auf den Trail. Ernüchterung: Schotter. Das erste Stück war sogar eigentlich noch ganz gut geschottert und es staubte nicht einmal, aber mit der Zeit wurde der Schotter immer tiefer und der Rollwiderstand immer größer. So kam ich statt mit vorher fast 30 km/h nur noch mit knapp über 20 km/h voran. Daran war nicht nur der Straßenbelag schuld, sondern auch die jetzt geänderte Himmelsrichtung: Der Rücken- wurde mehr zum Seitenwind.

Brandenburg? Nein, weiterhin der North Coast Inland Trail
Brandenburg? Nein, weiterhin der North Coast Inland Trail

Zurück auf die Fahrradautobahn

Irgendwann wurde aus dem Schotter sogar eine Art Feldweg mit zwei Reifenspuren und Gras in der Mitte – Erinnerungen an Brandenburg wurden wach. Zum Glück war die Strecke schön eben und keine Schwangerschaftsabbruchstrecke. Trotzdem glich der Trail eher einer Art Dienstweg für die nun parallel zum Weg verlaufenden Eisenbahnlinie. Vor Fremont dann Erleichterung: Endlich wieder Teer! Sogar mit Fahrbahnmarkierungen – eine echte Fahrradautobahn. So ließ es sich gleich komfortabler in die Stadt rollen. Kurz vor der Stadtgrenze gab ich schon einmal meinem Host Gordon Bescheid, dass ich nicht mehr lange brauche und noch kurz zu Aldi wollte – und ob er auch etwas brauche. Schnell bekam ich die Antwort, dass er schon alles für mich vorbereitet hat (auch Bananen) und ich deshalb nicht mehr Einkaufen fahren muss. Mit dieser Vorfreude auf Essen ließen sich die nächsten Kilometer doch gleich noch besser treten.

Erschöpft durch die letzten Kilometer

In Fremont musste ich kurz runter vom Trail und durch die Stadt. Die ist nicht nur gut mit Kirchen ausgestattet, sondern an der nördlichen Ausfallstraße auch mit jeder erdenklichen Fast-Food-Kette. Doch die Vorfreude auf Gordons Essen (das wahrscheinlich auf viel gesünder sein würde) hielt mich vor kurzfristigen Bauchentscheidungen ab. Die letzten Kilometer bis Elmore waren dann doch etwas härter als gedacht. Die Akkus waren leer, das linke Knie meldete sich wieder zu Wort und der Wind blies gut von der Seite. An einigen Abschnitten musste ich kurz direkt in den Wind fahren – ich war wahnsinnig froh, Rückenwind zu haben. Gegen diesen Wind hätte ich wohl lange gekämpft.

Merkwürdige Marketingmaßnahmen von XING, um den nordamerikanischen Markt zu erschließe
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Ankunft in Elmore

Trotz der leichten Qualen auf dem letzten Abschnitt erreichte ich Elmore schneller als gedacht – eine kleine Stadt in Ohio wie viele andere, mit einem riesigen Silo-Turm, den man schon von weitem aus sieht, einem kleinen ehemaligen Bahnhof am Bike Trail, einem Dorfzentrum und vielen schicken Häusern drumherum. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich bereits 160 Kilometer zurückgelegt hatte. So groß kam mir die heutige Distanz gar nicht vor, immerhin habe ich gefühlt nur zwei Straßen befahren und dank Rückenwind auch kaum getreten. Jetzt also noch schnell zu Gordon, der bei meiner Ankunft schon direkt aus der Haustür herauskam und mich herzlich begrüßte.

Spitzenmäßige Verpflegung bei Gordon

Nach einer kurzen Einführung in sein Haus und einen Blick auf die Lämmer, die er im Garten hat, machten wir uns bereits ans Essen. Währenddessen quatschten wir wieder über alles Mögliche, natürlich von Fahrradtouren bis hin zu Donald Trump, von dem Gordon glücklicherweise auch kein großer Fan ist. Außerdem entpuppte sich Gordon als wahres Deutsch-Ass, seine Vorfahren sind vor einigen Generationen mal aus Deutschland ausgewandert und er möchte unbedingt sein Deutsch verbessern. Was ich hörte, klang schon sehr gut. Noch besser war die Verpflegung: Es gab Hühner-Gemüsesuppe, frisch gebackenes Brot, Salat und mexikanische Mais-Sticks. So satt und gut unterhalten war ich schon lange nicht mehr. An dieser Stelle also noch einmal vielen Dank Gordon, dass Du mich so herzlich aufgenommen hast!

Wie ein Leuchtturm für Radfahrer: Die "Dorf-Silos" sieht man schon von weitem
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Durch den Monsun

Die aktuelle Windrichtung wird die nächsten Tage glücklicherweise noch anhalten und sogar noch etwas mehr auf puren Ostwind drehen. Das möchte ich ausnutzen und deshalb morgen und übermorgen versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Leider soll es morgen und in drei Tagen nass werde, so dass ich mal gucken möchte, wie es sich überhaupt fährt – kalt und nass sind aber immer eine blöde Kombi. Wenn ich morgen aber wieder die magischen 160 Kilometer vollmache, sollte ich es raus aus Ohio schaffen. Eventuell wird aber gar nicht mal das Wetter aufhalten, sondern eher mein linkes Knie. Ich bin gespannt!

Die Etappe auf Strava

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