Bikefitting bei KOM Sport

Bikefitting bei KOM Sport

Die Sitzposition als Ursache aller Knieprobleme? In meinem Fall beantworte ich die Frage mit „ja“. Um zu einer nachhaltigen Lösung zu gelangen, vereinbarte ich einen Termin bei KOM Sport in Köln. Doch wie läuft ein Bikefitting ab? Was kann es bewirken?

Die Anfahrt

Aufgeregt und in freudiger Erwartung fuhr ich durch Köln und kam ohne größere Probleme im Hinterhof bei KOM Sport an. Schon die letzten Wochen machte ich mir viele Gedanken, was mich alles erwarten könnte. Angefangen von der Botschaft, dass das Aeroad nicht zu mir passt über die Erkenntnis, dass mein Körperbau nicht für das Fahrrad geeignet ist. Alle diese und noch viele weitere Gedanken kreisen in meinem Kopf, was bei so langer Sportabstinenz wohl normal zu sein scheint.

Im Hinterhof angekommen erblickte ich sofort das KOM-Sport-Logo, fand aber keine Tür. „Kann doch nicht sein“, dachte ich und rief kurzerhand bei den Jungs an. „Die Tür ist zur Straße hin“… Peinlich und irgendwie logisch: „Hoffentlich bleibt das die größte Hürde des Tages“.

Ich klingelte kurz, stellte mich vor, holte anschließend mein Rad und all mein Zubehör aus dem Auto ehe ich noch einen kurzen Moment warten durfte. Nach dieser kurzen Wartezeit wurde ich zur Umkleide geleitet und mein Rad zwischenzeitlich auf den Rollentrainer gespannt.

Das Aeroad auf dem Cyclus 2. Bereit zum Loslegen!

Und schon ging es in die Vollen…

… oder doch nicht. Das Bikefitting beginnt unerwartet bei mir und meinen persönlichen „Geometriedaten“. Während mein Rad vermessen wurde, nahm Sebastian sich viel Zeit mir zuzuhören. Ich erzählte ihm ausführlich meine *Vorgeschichte* und meine Krankheitsgeschichte bestehend aus einem operierten Klumpfuß, einer Bein- und Fußlängendifferenz, sowie einem damit verbundenen Beckenschiefstand.

Zu meiner Überraschung und Freude nahm er mir die Sorge, dass das ein echtes Problem sei und sagte, dass ich auf den ersten Blick ganz gesund dastehen würde. Da habe ich ja noch mal Glück gehabt ;-)

Füße betrachten?

Nun begann die Bestandsaufnahme erst richtig: Ich sollte mich auf eine Sensorplatte stellen, die ein Druckbild meiner Füße sichtbar macht. Deutlich sichtbar sind hier die Druckspitzen, die durch meine Beinlängendifferenz begründet sind. Der Computer errechnet hieraus ebenfalls, mit welchem Abstand die Füße vom Körperschwerpunkt stehen. In meinem Fall stehen diese recht symmetrisch mit nur einer Abweichung von ca. 0,7cm. Laut Sebastian ist das bereits minimal und manch Radprofi weist hier 3-4cm auf. Wieder Glück gehabt. ;-)

Meine persönliche Druckverteilung sichtbar gemacht.

Anschließend nahm Sebastian meine Füße ganz genau unter die Augen und teste die Beweglichkeit in meinen Gelenken. Er konnte sehr schnell ablesen, wo besonders viel Druck entsteht und wie mein Körper sich im Laufe der Jahre angepasst hat.

Da ich quasi seit meiner Geburt Träger orthopädischer Einlagen bin, begutachtete er auch meine Einlagen, die ich seit ein paar Monaten in den Radschuhen trage.
Die Erkenntnis: „Mensch, das ist ja dreist“. Meine „Maßeinlagen“ sind links und rechts völlig identisch. Sie berücksichtigen gar nicht meine ungleichen Füße. Kein Wunder also, dass die Pelotte unter meinem kleineren linken Fuß ständig Druck und Schmerzen erzeugt. Sie hätte ein wenig weiter nach hinten gehört.

Sebastian bot mir also kurzerhand an, diese Einlagen etwas zu korrigieren, dazu schliff und klebte er weiteres Material ab bzw. an. Und siehe da, schon spüre ich deutlich mehr Stützwirkung der Einlage. „Nimm sie einfach als Ersatz oder für den Alltag, dazu sind die jetzt gut. Richtige Radsporteinlagen wären allerdings besser für dich“.

Die nachgearbeiteten Einlagen kommen nun der Solestar-Einlage recht nah. Gut zu erkennen, die symmetrische Einlagenanfertigung trotz unterschiedlicher Fußlängen.

Wie steht es um die Beweglichkeit?

Die Bestandsaufnahme war damit noch nicht abgeschlossen. Sebastian begutachtete nun meine natürliche Hüftbewegung. Dazu sollte ich mich nach vorne beugen und mit den Fingerspitzen den Boden berühren. Da er meine Hüfte mit seinen Händen fixierte, konnte ich in der Bewegung gut spüren, wie meine Hüfte kippt und rotiert. Alles nur minimal, aber deutlich, sodass wir es auf dem Rad abbilden müssen.

Sinnfrei, aber Spaß muss sein!

Im nächsten Schritt steckte er mir verschiedene Keile und Unterlagen unter Fußgewölbe und Vorderfuß und wiederholte diese Übung immer wieder mit mir bis letztlich die Kipp- und Rotationsbewegungen eliminiert waren. Da ich nun vom Wirkungsprinzip der Radsporteinlagen überzeugt war, ließ ich mir für mein neues, ungleiches Paar Schuhe Solestar-Einlagen anfertigen (Links 44, Rechts 45). Was Solestar besonders macht, könnt ihr *hier* nachlesen.

Doch damit nicht genug: nun wurden die Cleats – meine persönliche Hass-Baustelle – an die richtige Position verfrachtet. Anders als bei mir Hobby-Doktor geht das beim Profi überraschend leicht von der Hand: Zwei Punkte am Schuh markieren (Groß- und Kleinzehengrundgelenk), eine Verbindungslinie ziehen und auf dessen Schnittpunkt mit der Längsachse des Schuhes wird „ganz einfach“ der Cleats mittig montiert. Dies lies sich sowohl bei den neuen als auch bei den alten Schuhen perfekt durchführen, sodass die Passform schon mal annehmbar ist – zumal sie sich am Fuß auch sehr gut anfühlen.

Der neue Schuh mit neuem Cleat. Noch zu erkennen: Die Markierung der Grundgelenke und die Hilfslinie.
Ganz normal ist, dass die Cleats bei den meisten Fahrern weit hinten montiert werden müssen.

Nun aber ab aufs Rad

Während nun sicherlich eine Stunde vergangen war und ich noch nicht auf dem Rad saß, wurde es langsam Zeit das Rad anzupassen. Dies machten wir mit den alten Schuhen und den modifizierten Einlagen, während für das neue Paar Schuhe zwischenzeitlich die Solestar-Einlagen angefertigt wurden.

Ein großer Spiegel erlaubt es, sich genau zu beobachten.

Zunächst pedalierte ich unter Sebastians Beobachtung ein wenig in meiner ursprünglichen Sitzposition. Ganz ohne Hightech und Klebepunkten am Körper. Bei KOM Sport vertrauen sie auf ihre Erfahrung und optimieren nicht stumpf vorgegebene Gelenkwinkel. Nach wenigen Kurbelumdrehungen konnte auch ich im Spiegel an der Wand erkennen, dass ich mich deutlich im Sattel hin und her bewegte. Komisch, während meiner „Kamera und Laser Aktion“ habe ich das nicht wahrgenommen. Um die Rotationsbewegungen der Hüfte zu eliminieren wurde der Sattel Stück für Stück in seiner Position verändert: Weiter nach unten, weiter nach vorne, Neigung abfallend. Und dann war es geschehen. Ich saß ohne Druck auf Damm und Prostata im Sattel und beide Beine konnten perfekt Arbeiten. Das neue Fahrgefühl gleicht einer Nähmaschine – es ist mir nun möglich, mühelos und ohne Hüpfen im Sattel eine Kadenz von 150rpm treten. Einfach Grandios!

Als Schritt Zwei folgte die Einstellung des Cockpits. Hier hegte ich im Vorhinein die größten Zweifel, weil das Aerocockpit von Canyon keinerlei Einstellungsmöglichkeiten bietet, schließlich sind hier Vorbau und Lenker eine Einheit. Es ist somit nur möglich mit Spacern die Höhe nach oben oder unten zu korrigieren. Letzteres wurde auch gemacht, um den angespannten Nackenbereich zu entlasten.  „Kontra-Intuitiv“ nannte es Sebastian, aber er sollte recht behalten. Guckt man sich im Pro-Peloton um, so sieht man viele Fahrer mit stark abfallenden Vorbauten, die diesen Effekt noch verstärken. Spontan bekam ich das Angebot, den Gabelschaft zu kürzen, was ich gerne annahm -> Bloß weg mit dem Spacerturm!!!

Was fehlt ihm bloß? ;-)

Mir war es noch nicht aufgefallen, aber Sebastian merkte es schon ganz zu Beginn unseres Termin: Meine STIs sind asymmetrisch am Lenker montiert. Ich schob es auf meine schlampige Montage, obwohl ich dort sehr gewissenhaft mit den Markierungen gearbeitet habe, doch dies sei eine normale Folge meiner Anatomie. Die STI rücken also nach und nach an verschiedene Positionen, sodass sie sich für mich „gerade und symmetrisch“ anfühlen. Diese Position veränderte Sebastian so, dass meine Handgelenke in einer angenehmeren Position verweilen können und nicht dauerhaft überstreckt sind.

Passend zum Abschluss kamen auch schon die Einlagen aus der Werkstatt – ich war überrascht wie schnell hier gearbeitet wird. Vielleicht gehört auch mal ein wenig Glück dazu. ;-) Also rein in die neuen Schuhe mit Einlage und ab aufs Rad. WOW. Einen solch festen Halt hatte ich bisher in keinem Radschuh. Ich erinnere mich noch an meine Anfänge als noch nichts im Radschuh lag. Dort rutschte ich insbesondere im Wiegetritt im Schuh hin und her, weswegen ich die Verschlüsse übermäßig festgezogen habe, was natürlich wiederum zu Druckstellen und Schmerzen führte. Bei den Solestar-Einlagen drückt auf den ersten Eindruck nicht. Ja, sie stützen den Fuß spürbar, nichts rutscht, zudem sind sie beeindruckend steif. Der Fuß ist nun eine Einheit mit dem Schuh. Das finde ich immer noch faszinierend. (Anmerkung: Während ich diesen Artikel schreibe, trage ich die Radschuhe mit den Einlagen … ;-) )

Meine neuen Solestar mit Carbon-Kern. Das Paar wiegt lediglich 134g. Knapp 80g weniger als das alte Paar.

Lohnt sich ein Bikefitting nun wirklich?

Letztlich wurden am Rad nur Einstellungen im Millimeterbereich vorgenommen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich schon mal nicht komplett verkehrt auf dem Rad saß. Ebenfalls gold wert: Ich habe die richtige Rahmengröße gewählt. Nicht auszudenken wie fatal das alles hätte Enden können.

Mein ganz persönliches Fazit, ohne die neuen Einstellungen auf der Straße erprobt zu haben: Ein Gang zum Profi lohnt sich für jeden, der mehr als gelegentlich Fahrrad fährt. Nie im Leben hätte ich diese Wohlfühlposition mit „Kamera und Laser“ gefunden, es bedarf eines Sachkundigen mit dem Blick von Außen. Und sachkundig sind die Jungs von KOM Sport zweifellos!

Insgesamt bin ich sehr, sehr, sehr zufrieden mit dem Bikefitting. Sebastian hat es geschafft, mich mit auf eine Reise zu meiner ganz persönlichen Sitzposition zu nehmen und mir jeden kleinen Schritt verständlich erklären. Diese kleinen Veränderungen bewusst wahrzunehmen und direkt dessen Auswirkung zu spüren, verändert einiges im Hirn. Für mich ist das das wertvollste, was ich aus der Aktion gelernt habe.

Was jetzt noch bleibt: Die neue Position auf der Straße testen und mit meinem zweiten Rad erneut anreisen!